Huge und wie er die Welt sieht
Schau ich gestern Maybritt Illner, heult da ein Mann rum: er und seine Frau verdienen 3200 € im Monat und kommen damit mit ihren drei Kindern nur ganz knapp über die Runden. Versteh ich nicht.
Ich hab vier Geschwister und meine Eltern verdienen wohl etwa die Hälfte. Damit muss man eben auch leben können, auch wenn man ab und zu mal auf etwas verzichten muss. Oh mein armes Deutschland, mein armes Deutschland!
Kennst du das auch, daß manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt?
Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – Kennst du das auch?
Hermann Hesse
Hmm.
So liebe Freunde der polnischen Popmusik, es folgt ein kurze Verarbeitung des Besuchs beim "International Short Film Festival", kurz ISFF. Zum fünften Mal fand das ISFF statt, diesmal in der Kulturfabrik Hangar 21. Aufgrund begrenzter zeitlicher Ressourcen entgingen mir leider einige Teile des Programms, dennoch verbrachte ich dort schöne Stunden.
Gemeinsam mit Will und JMS erfreuten ich mich Samstag Nacht schöner und abwechslungsreicher Kurzfilme. In den Tagen zuvor hatte ich bereits vereinzelt mal reingeschaut. Das Programm erwies sich als recht ergiebig und der Vorführungsraum als ganz gemütlich. Bekanntlich bin ich kein großer Filmliebhaber und Hollywood-Produktionen langweilen mich häufig. Diese Kurzfilme (ich bezeichne sie gern als "bewegte Gedichte") genügten einem hohen künstlerischen Anspruch und behandelten Themen von "einfach witzig sein", Heimat, Individualität bis Tod. Achja, Liebe natürlich auch. Aber wer braucht das schon?
Neben den Filmen gab es in den Pausen noch diverse andere Kunstinstallationen zu bestaunen, v.a. die Popart-Bilder ließen sich schön anschauen. Eine Zuschauerabstimmung gewann der Kurzfilm "Das grüne Schaf", ich hatte für "Record" gestimmt. War ein schönes Festival, auch wenn die Organisation ein bisschen besser hätte sein können. Und die Internetseite muss ja auch nicht unbedingt ein Favorit auf den schlechtesten Online-Auftritt der Neuzeit sein.
Illuminati (Original: Angels & Demons, USA 2009)
Die Zahl der warnenden Beispiele, dass Literaturverfilmungen meist in die Hose gehen, ist Legion. Illuminati ist eines der wenigen Gegenbeispiele: eine packende Mischung aus Action, Spannung und Mysterien. Dazu die Erkenntnis: Wir sollten uns alle mehr der bildenden Kunst zuwenden, falls wir mal den Vatikan retten sollen.
Bei Verfilmungen dieser Art fällt es dem belesenen Zuschauer, der auch die Romanvorlage kennt und schätzt, schwer dem Film unvoreingenommen entgegenzutreten und ihn als eigenständiges Werk ohne ständige Vergleiche zum Buch zu bewerten. Sollen Literaturverfilmungen eine Geschichte eins zu eins visualisieren oder eine eigene Form finden? Über dieser Frage scheiden sich ähnlich wie bei Theateraufführungen klassischer Stoffe die Geister. So werden auch meine Betrachtungen hier immer wieder auf den Roman von Dan Brown zurückgreifen, auch wenn eigentlich der FIlm im Vordergrund stehen soll.
Die Presse zumindest hatte größtenteils Abschätziges über den Film von Ron Howard zu berichten. Die Süddeutsche Zeitung sprach von "Kino ohne Kopf", die FAZ fragte, warum Leser solche Filme anschauen sollten und laut WELT entbehrt Illuminati jeder Originalität. Letzterer Umstand ist wie gesagt umstritten. Für mich aber hat die Illuminati-Verfilmung mehr gehalten als sie versprochen hat. Denn in einem ähnelt der Film dem Buch am meisten: er ist lang, sehr lang, aber er wird nicht nicht langweilig.
Mit dem Romanstoff wurde respektvoll, aber nicht ehrfürchtig umgegangen. Soll heißen: die meisten elementaren Bestandteile bleiben erhalten, bis auf einige Namensänderungen. Extravaganzen, mit denen Dan Brown in Illuminati wahrlich nicht sparsam umgegangen ist, wurden gestrichen, z.B. ist die Hubschrauberszene stark abgespeckt worden. Der Handlung tut das gut, denn ein solcher Film hat es bei all der Dramatik schwer, den Zuschauer auf dem Laufenden über die ständig wechselnden Entwicklungen zu halten. In Illuminati ist am Ende nicht mehr wie es in der Mitte, geschweige denn am Anfang war. Dan Brown, einer der größten zeitgenössischen Erzähler, gibt sich in seiner Geschichte nie mit einer Sensation zufrieden, es müssen Wunder geschehen. Und so wechselt der Hauptverdächtige mehrere Male, bis am Ende endlich Klarheit herrscht. Ewig dankbar wollen wir dem Regisseur hingegen dafür sein, dass er das letzte Kapitel mit der Liebesgeschichte gestrichen hat.
Einen Vorwurf muss man den Filmproduzenten aber machen: die fast schockierende Eindimensionalität der Charaktere. Brown entwirft natürlich keine komplexen Figuren, er will vor allem erzählen. Aber was der Film daraus macht, ist unverantwortlich. Der größte Fehler besteht m.E. darin, die Figur Maximilian Kohler(CERN-Chef) vollständig zu streichen, dadurch wird der gesamte Konflikt zwischen Kirche/Glaube und Wissenschaft etwas unklar. Auch der Assasine bleibt blass, ein profilloser, leiser Killer ohne Überzeugungen und Auftrag, der ein bisschen wie Michael Antwerpes aussieht. Dass der am Anfang getötete Wissenschaftler nicht Vittorias Vater ist, schadet ihrem Charakter, denn auch hier bleibt die Motivation etwas im Verborgenen.
Genauso enttäuscht die schauspielerische Umsetzung. Ich kenne mich mit Filmen nicht aus und habe erst zwei Filme (Forrest Gump, Terminal) mit Tom Hanks gesehen. Doch hat mir vor allem Forrest Gump gezeigt, wozu Hanks auf der Leinwand zu leisten fähig ist. In Illuminati tut Hanks nicht mehr als er muss: von Kapelle zu Kirche durch Rom rennen, Symbole angucken, Blut aus seinem Gesicht waschen und sich an seinem Tom-Hanks-Sein freuen. Am besten gefiel mir noch Ewan McGregor als Camerlengo.
Ein Wort noch zu Robert Langdon als fiktiver Robert Langdon. Als ich das Buch gelesen hatte, überkam mich der geheime Wunsch, Symbologe zu werden. Die Deutung und die Mystik dieser alten Zeichen hat etwas ungeheuer Faszinierendes, genauso wie Langdons schlafwandlerische Kenntnis der römischen Kirchen, Gemälde und Statuen. Ich sollte mich mehr mit bildender Kunst beschäftigen, vielleicht soll ich auch mal den Vatikan retten. Oder Hubschrauber fliegen. Hilft KMW da eigentlich? Aber noch einmal zu den Symbolen: die Schnitzeljagd ist ganz interessant, dem Professor "Rechtfertigung, Begründungen usw." möchten sich bei diesen induktiven Schlüssen aber die letzten Haare aufgestellt haben.
Dem Film fehlt also etwas Tiefe, was man diesem Medium aber vielleicht auch zugestehen muss. Im Grunde aber ist mit Illuminati ein Streifen gelungen, der die Spannung der Geschichte transportiert, ohne sie zu verstümmeln. Apropos verstümmeln: optisch ist der Film nicht so grausam wie viele meinen. Ausgeübte Gewalt gibt es bis auf ein paar Schusswechsel und die Verbrennung des Camerlengo kaum, die Bilder der getöteten Kardinäle sind aber natürlich schon krass. Also auch nicht für jeden gemacht. Das tut diesem nicht überragenden, aber dennoch gut anzuschauenden Film keinen Abbruch. Zu implizierten Themen wie Institution Kirche, Forschung, Glaube, wissenschaftliche Ethik vielleicht ein andermal. Aber eher nicht.
Von Geburtstagen halte ich nicht viel. Natürlich würde es mich ohne meinen Geburtstag nicht geben – auch wenn das wohl kein entscheidender Verlust wäre. Aber etwas zu feiern, woran man selbst keinen Anteil hat, woran man sich selbst nicht erinnern kann und was an einem völlig willkürlichen Tag geschah, das erscheint mir unangemessen. (Erneut stellen wir die Frage, ob die eigene Existenz ein Grund zum Feiern sei, hintenan.) Viel sinnvoller ist es doch, sich im Laufe des Vegetierens eigene Feiertage zu schaffen. Solche, mit denen man wirklich etwas anfangen kann.
Neben dem 15. Dezember ist für mich der 9. Juni ein solcher Feiertag. Ich habe beschlossen, dieses Datum seit diesem Jahr feierlich zu begehen. Grund 1 ist unten ersichtlich: am 9. Juni feiert mein wunderbares Blog Geburtstag (seit 2007). Diese Seite hat mich und mein Leben verändet. Grund 2: am 9. Juni begann die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Niemals werde ich vergessen, wie sich an diesem Tag die ganze Anspannung der vorherigen Tage entlud und in den 30 schönsten Tagen meines Lebens endete. Wahrscheinlich werden wir eine solche Begeisterung und Stimmung nie wieder erleben.
Also bin ich heute essen und mit lieben Leuten ins Kino gegangen. Was war jetzt der 15. Dezember?
Huges Blog feiert seinen zweiten Geburtstag. Er immer noch nicht gelernt, zu schweigen ohne zu platzen. Es wird wieder Zeit für eine Grundsatzrede.
Stefan Niggemeier hat vor langer Zeit, als der Huge noch nicht wusste, was ein Blog ist, der Stefan aber schon ein Pionier der Bloggosphäre war, einen sehr schönen Artikel in der FASZ geschrieben. Unter der Überschrift "Warum ich blogge" heißt es u.a.: "Für mich ist es eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation. Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Außerdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst." Zum zweiten Geburtstag meines Blogs wird es wieder einmal Zeit, darüber nachzudenken, was man hier macht und warum.
Bloggen ist eine unendliche Suche nach Aufmerksamkeit. Aber nicht nur. Bloggen ist nämlich nicht nur Außendarstellung, sondern genauso gut Innenschau. Nur was innen da ist, kann nach außen kommen. Diese Kombination macht das Bloggen zu einer so starken Faszination: sich selbst ausdrücken und diesen Ausdruck im nächsten Schritt mit anderen teilen. Wer so intensiv bloggt wie ich, entwickelt ein bewussteres Denken, denn diese und jede andere Art von Bloggen erfordert zunächst Reflexion über das jeweilige Thema.
Am Anfang war mein Blog (damals noch ichbins) mehr als Experiment gedacht, als Schreibtrainig und Zeitvertreib. Aber Bloggen macht süchtig. Das ist nicht schlimm, denn es ist schön. Je mehr Leute das Blog gelesen haben, desto mehr Spaß machte mir das Schreiben. Der Schwerpunkt hat sich in der Zeit öfter verlagert, aber das kann jeder selbst nachlesen. Jedenfalls geht die Tendenz momentan dahin, dass ich mich mit Einträgen zu meinem Privatleben etwas zurückhalte. Nicht nur weil es wohl niemanden interessiert, sondern auch weil es wenige (keinen?) etwas angeht.
Ich blogge für mich selbst, gar keine Frage. Oder doch. Denn würde ich ausschließlich für mich schreiben, könnte ich das auch in irgendwelchen passwortgeschützten Word-Dokumenten (und es gibt einige solche) tun. So gesehen geht es beim Bloggen auch um Kontakte nach außen. Stefan Niggemeier schreibt dazu: "Es ist umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen." Soll heißen: für jede Art von Rückfutter ist der Huge sehr dankbar.
Gleichzeitig bedanke ich mich bei allen, die teilweise aktiv rezipiert haben (sie wissen, dass sie gemeint sind
), vor allem bei denen, die von Anfang an dabei sind. Danke auch an alle anderen Leser aus Detmold und Leipzig. Danke an alle Leser aus ganz Deutschland, die man nur über das Internet und deren Blogs kennt. Danke an alle, die mich aus US-amerikanischen Bundestaaten und norwegischen Bahnhöfen lesen. Danke fürs leise und laute Gutfinden oder fürs tapfere Ertragen.* Bleibt auch weiter dran und meldet euch oft zu Wort.
Bloggen ist für mich ein Geschenk. Vielleicht ist dieses Blog ein bisschen mein Geschenk an euch. Die Kommentare sind offen für alles.
* Danke natürlich auch an Wordpress fürs Umsonstsein
Nach der Europawahl 2009: Ergebnisse, Trends und Zahlen der Schande.
Die scheinbar gute Laune, die SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der alte Lipper, auf seinem Sessel bei Anne Will verbreitete, musste jedem echt wie Implantate vorkommen. Dabei war die Erkenntnis des Wahlabends eine ebenso elementare wie bittere: es geht immer noch tiefer. Mit 21% musste die SPD das schlechteste bundesweite Ergebnis ihrer Geschichte hinnehmen. "Freude schöner Götterfunken" durfte dagegen Guido Westerwelle von der FDP in die Kameras grinsen, wenig verwunderlich bei 10% der Stimmen.
Ansonsten ging die Wahl den erwarteten Gang der Dinge. Die CDU bleibt deutlich stärkste Kraft mit 38%, musste aber – wenn auch von einem Überergebnis (44%) kommend – mittelschwere Verluste hinnehmen. Diese Verluste konnten wie in den vergangenen Jahren schon die kleineren Parteien nutzen: neben der FDP konnten auch Grüne und Linke zulegen, die Grünen auf 12%, die Linken blieben mit 7% unter ihren Erwartungen. Interessant übrigens: die Republikaner kamen auf 1,3%, die PBC auf 0,8%.
Auch wenn sich diese Wahl nur bedingt auf die Bundestagswahl im September übertragen lässt, so lassen sich doch Trends erkennen. Die Mehrheiten- und Koalitionsbildung wird noch schwieriger als bisher. Im Moment spricht alles für ein bürgerliches Bündnis. Erstaunlich allerdings ist, dass SPD und Linke keinen Auftrieb aus der Weltwirtschaftskrise holen konnten. In Europa geht die Entwicklung allgemein gesehen nach den gestrigen Ergebnissen zu einem kleinen Rechtsruck, die konservative EVP-Fraktion konnte ihre Mehrheit deutlich ausbauen.
Die größte Partei stellen aber wieder einmal die Nichtwähler. Die Wahlbeteiligung ist mit 42% in Deutschland und 44% europaweit auf einem historischen Tiefststand angekommen, ein Ende ist nicht in Sicht. In Polen sind sogar nur 24% der Wahlberechtigten zur Wahl gegangen. Es ist den Politikern offensichtlich nicht gelungen, das Thema Europa fassbar zu machen, obwohl medial dafür in den vergangenen Wochen einiges getan wurde. Auch die gern genannten "80%" haben nichts bewirkt. Mal abgesehen davon, dass diese geringe Wahlbeteiligung Rückschlüsse auf die politische Gesamtstimmung erschwert: Wählen ist nicht nur Recht, sondern auch Pflicht. Wer von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch macht, der ist sich des Vorrechtes in einer Demokratie zu leben nicht bewusst.
Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik ist keine Entschuldigung. Wer nicht wählt, kann auch nichts ändern und sollte sich hinterher auch nicht beschweren. Sogar die Neonazis gehen wählen. Auch ich bin ein Europaskeptiker, aber allein mehr als 60 Jahre internationalen Frieden auf dem Kontinent sprechen eine deutliche Sprache für den Erfolg dieses Modells. Die Wahlverweigerer sollten sich – ich bitte den Pathos zu entschuldigen – mehr mit Geschichte befassen und sich öfter darüber klar werden, wieviele Menschen für den Traum freier, gleicher und geheimer Wahlen gekämpft haben und teilweise dafür gestorben sind. Weniges auf dieser Welt ist selbstverständlich. Freie Wahlen, Grundrechte und Demokratie erst recht nicht. Wer sie hat, der nutze und schütze sie.
Klick mich (okay, peinlicher Spot, aber geht trotzdem!)
Ich hab schon am Montag gewählt (Briefwahl, höhö), aber ich sag nix.
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