In dem Zimmer, in dem diese Geschichte beginnt, steht ein Klavier, eine Kommode und ein alter Computer. Es ist der 9. Juni 2007, exakt heute vor drei Jahren, als der Huge seinen ersten Blogeintrag schreibt, unbeachtet von der Welt, auf einer kleinen Blogplattform. Noch weiß niemand, er selbst am wenigsten, was aus diesem eher spontan geborenen Projekt werden wird.
Als ich damals vor drei Jahren mit dem Bloggen begann, hatte ich keine Ahnung von Bloggosphäre, von so normalen Dingen wie Trackbacks und PageViews, schon gar nicht von so komplizierten Erfindungen wie CSS oder PHP. Immerhin, ein paar HTML-Tags kannte ich. Der Blogger Huge kam als Experiment in die Netzwelt – er suchte einen Ort für all das, was er nicht mehr in seinem Kopf behalten wollte, er wollte schreiben aus Spaß und um es zu lernen. Aber er hatte keine Vorstellung, wie lang das Blog leben wird, wie lange die Lust gewogen bleibt und die Muse gnädig.
Seit jenem 9. Juni steht an beinahe jedem Tag etwas Neues auf dem Blog, zuerst bei ichbins, dann bei Scribito – wie gesagt, seit drei Jahren. Spaß hatte ich dabei immer und Gedanken ans Aufhören nie. Es wird unheimlich viel geschrieben im Internet, zu viel, als dass es alles gelesen und gewürdigt werden könnte. Doch als wenige Tage nach meinem ersten Post mich der erste Freund auf das Blog ansprach, wusste ich, dass hier etwas Besonderes passiert.
Es hat sich viel getan in diesen drei Jahren. Es kamen Besucher, es kamen Kommentatoren, es kamen Ideen, Gedanken, manchmal auch ein bisschen Ärger (einmal sogar mit Anwälten

). Es wurden Einträge geschrieben, die lieber nie das Internet gesehen hätten und andere, die tatsächlich irgendwo in den Tiefen der Festplatte verrotteten bis auf den heutigen Tag. Es kamen Links, Aufmerksamkeit on- und offline, die mir immer wieder die Belohnung scheint, für die Arbeit, die ein Blogger hinter der Tastatur leistet. Trends kamen und gingen wieder, manchmal waren andere Dinge wichtiger.
Seit dem 1. April 2009 kostet mich das Bloggen nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Die paar Euronen im Jahr war der Umzug ins eigene Blog-Eigenheim nach Scribito aber definitiv wert. Die Älteren, die schon seit den alten ichbins-Zeiten mitlesen, werden wissen was ich meine. Technisch, optisch und inhaltlich war der Umzug ein längst überfälliger Fortschritt. Auch wenn es die Wortwahl manchmal kompliziert macht, denn von „dem Blog“ zu sprechen, könnte missverständlich sein.
Sicherlich hat sich auch inhaltlich einiges verändert. Das mag persönliche Gründe haben, ziemlich sicher sogar. Denn hinter jedem Blog sitzen Menschen, und je weniger es sind, desto mehr ist die inhaltliche Orientierung des Blogs an der persönlichen Verfassung eines einzelnen Menschen orientiert. Mir macht es immer wieder Freunde, nebst einem Gefühl von Nostalgie, nach Monaten und Jahren wieder alte Einträge und Kommentare zu lesen. Dieses Blog ist ein Stück weit auch meine persönliche Geschichte. Viele Veränderungen, Einstellungen, Meinungen, Eindrücke, viele Fragen und wenige Antworten sind hier explizit und implizit nachzulesen.
Würde man mich fragen, worauf ich in meinem Leben stolz bin, dann stünde dieses Blog in der Liste ziemlich weit oben. Hier habe ich etwas geschafft und ich möchte fast sagen: ich allein. Denn dieses Blog habe ich aufgebaut, hier steckt ein großer Teil meines Lebens, meiner Arbeit, meiner Leidenschaft, meiner Zeit drin. Manchmal, wenn ich die alten Beiträge lese, macht es mich schon etwas stolz, nun schon länger dabeizusein und in dieser Zeit mit Elan und Disziplin "durchgehalten" zu haben.
Der Schwerpunkt hat sich spätestens mit dem Umzug verschoben. Ich blogge mittlerweile fast ausschließlich entweder über öffentliche Themen oder allgemeine Gedankengänge (versteht man, was ich meine?), fast gar nicht mehr über das Leben des armen E.E. So wurden beispielsweise die BefindlichkeitsreportsTM abgeschafft. Dieser Paradigmenwechsel hatte mehrere Gründe. Erstens gilt in Abwandlung eines Worts von André Gide, dass nur ein unglücklicher Blogger ein guter Blogger ist, solange er über persönliche Dinge bloggt. Zweitens interessiert es weder jemanden noch geht es jemanden etwas an. Drittens ist das Interesse verloren gegangen, über solch banale Dinge zu bloggen. (Allein die Möglichkeit aber, darüber bloggen zu können, fördert die Reflexion.)
Viertens, und vielleicht wichtigstensTM: Spätestens mit dem Umzug auf das Scribito-Blog hat sich hier eine Leserschaft gefunden, die mittlerweile weit über Leute hinausgeht, die mich persönlich kennen. Es lesen Leute von überall aus der Republik dieses Blogs, von manchen weiß ich, wer sie sind, die meisten aber bleiben stumm und anonym. Mir macht das keine Angst, ich empfinde es als Ehre und Kompliment und bin stolz darauf, dass eine gewisse Zahl von Menschen sich anscheinend für meine Meinungen und Texte interessiert und dieses Angebot schätzt.
Aber mit einer dreistelligen Zahl von Lesern und seinem Klarnamen im Impressum lässt es sich nicht gut über intime Themen bloggen. Es möge uns dieser Gedankengang nun – ganz im Sinne der oben beschriebenen Abstraktion – auf zwei allgemeinere, stets heißdiskutierte Themen des Bloggens bringen: Selbstdarstellung und den Wert von Klicks.
Da wo andere gleich „Selbstdarstellung“ schreien, sehen Blogger zuerst Kommunikation. Bloggen ist für die meisten keine Suche nach Aufmerksamkeit, sondern nach Austausch, sprich Kommunikation. Und so sollen auf den meisten Blogs gar nicht so sehr Personen dargestellt werden, sondern eher Themen, Meinungen und Argumente. Jeder in der Bloggosphäre ist der Meinung, dass andere das lesen sollte, was er schreibt. Deshalb ist Bloggen ein ständiger Abgleich mit der Realitätswahrnehmung anderer. (Ich spreche im Wesentlichen in Bezug auf „ernstzunehmende“ Blogs. Es ist unmöglich, allgemeine Aussagen über die Bloggosphäre im Ganzen zu treffen.)
Dass dabei – wie bei jeder Kommunikation – auch eine Information über den Sender mittransportiert wird, ist klar. Denn wie bereits erwähnt: Blogs werden von Bloggern gemacht. Die Persönlichkeit des Bloggers spielt hier für das Blog selbst eine so große Rolle, weil der Blogger im Normalfall lediglich auf der Mikroebene existiert und nicht in systemische und institutionelle Zwänge eingebunden ist. Darüber hinaus verstehen sich die meisten Blogs als Meinungsäußerung, nicht als neutrale Überbringer von Nachrichten. (Wir kommen auf das Verhältnis von Blogs und Journalismus noch einmal zurück.)
Ich gebe zu, dass ich über manche Blogger, die ich noch nie real gesehen habe, evtl. mehr weiß als über Personen, denen ich öfter begegne, mit denen ich aber nicht ausführlich kommuniziere. Woran liegt das und ist das schlimm? Es liegt eben an der Offenheit des Bloggers gegenüber der Außenwelt. Selbstdarstellung mag es sein, aber es ist sein Recht, dies zu tun und keiner soll ihn verdammen. Denn wann hat jemand schon die Gelegenheit im echten Leben, das geprägt ist von Stress, Durcheinander und unvorhersehbaren sozialen Prozessen, einmal geordnet und in Ruhe über das zu sprechen und zu reflektieren, was ihn wirklich beschäftigt und damit auch sein Wesen bestimmt. Blogs bieten die Gelegenheit Dinge zu sagen, die in Mensa-Gesprächen und Small-Talks keiner hören will. Dass dadurch ein gewünschtes Selbstbild in der Öffentlichkeit konstruiert wird, ist zunächst einmal Quatsch. Und schlimm ist es auch nicht.
Der Wert von Klicks ist ein zweiter großer Streitpunkt unter Bloggern. Die Formulierung mag holprig klingen, deshalb wollen wir uns der Materie fragend nähern: Blogge ich das, was ich gerne blogge oder blogge ich, was viele Leser anzieht? Versuche ich mein Blog zu kommerzialisieren? Passe ich mich in Frequenz und Stil dem Leser an? Als Hintergrund muss zunächst einmal erwähnt werden, dass die Bloggosphäre wie ziemlich alle noch jungen Szenen sehr ideell geprägt ist. Viele Blogger suchen als moderne Publizisten vor allem die Abgrenzung von den klassischen (Massen-)Medien, insbesondere in der Frage der Unabhängigkeit und Kommerzialisierung.
Ein Aufschrei ging durch die Bloggosphäre, als vor mehr als einem Jahr Robert Basic sein Erfolgsblog basicthinking verkaufte und eine beachtliche Summe erzielte. Das Blog war Basics Baby, tut man so? Die Frage stellt sich auch für uns kleine Fische: Werbe ich auf meinem Blog indirekt für Unternehmen, um an einem Gewinnspiel teilzunehmen oder ein T-Shirt zu bekommen? Ich habe das öfter getan, aber immer mit einem unguten Gefühl. Noch gibt es in Deutschland keinen Blogger, der von seiner Bloggerei leben könnte. Indirekte Tendenzen in die Richtung sind aber erkennbar. Das ist schön für die betreffenden Leute (die auch hervorragende Arbeit leisten), aber es wird eine Gewinnorientierung in einigen Teilen der Bloggosphäre auslösen.
Geld verdiene ich übrigens mit meinem Blog nicht, auch wenn mich ständig Leute danach fragen. Ich will es auch nicht. Denn das würde mich zwingen oder zumindest stark in Versuchung bringen, nach Leserbedürfnissen zu bloggen. Eine Verantwortung spürt man schon gegenüber den Leuten, die ständig herkommen und nach drei blogfreien Tagen bekommt man schon ein kleines schlechtes Gewissen. (Aber so was gibt es auf Scribito ja zum Glück fast nie.) Die Frage, ob ich meinen Lesern etwas schulde, stelle ich mir schon länger. Ich tendiere zum Nein. Ich will frei bloggen, worüber ich will und was ich will.
Noch einige Anmerkungen zum lang und breit diskutierten Thema des Verhältnisses zwischen Journalismus und Blogs. Es ist wahr, dass beide Seiten teilweise schlecht voneinander denken und übereinander reden. Die einen fühlen sich als Erlöser der demokratischen Medienlandschaft, die anderen sehen ihre Fleischtöpfe bedroht. Wie so oft in der Sozialwissenschaft dürfte ein Treffen beider Pole in der Mitte die beste Lösung sein. Zumindest im Moment ist es völliger Quatsch, zu behaupten, dass Blogger Journalisten ersetzen könnten. Die meisten wollen es auch nicht.
Blogger sind nach heutigem Stand so etwas wie die Gesinnungspublizisten des 21. Jahrhunderts. Sie haben keine Vermittlungsfunktion, weil sie die nicht haben wollen – und auch nicht leisten können. Ihnen fehlen schlicht die Mittel, die Zeit und den meisten wohl auch die Fähigkeit, Nachrichten zu recherchieren, sobald diese nicht offen zugänglich sind. Die Frage der Substitution hauptberuflicher Journalisten durch Hobbyblogger stellt sich also nicht. Es gibt in der Tat Abstufungen, viele Blogs haben für bestimmte Themen quasi-journalistische Funktionen übernommen, Blogs haben einen Anteil an der Meinungsbildung erlangt und in den USA ist man ohnehin schon zwei Schritte weiter.
Bloggen indes ist für jeden, der eines Tages in den Medien arbeiten will, eine hervorragende Möglichkeit. Einmal abgesehen davon, dass man meiner Meinung nach Schreiben nur durch Schreiben lernt, besteht nirgends sonst die Chance, so frei, so einfach zu publizieren. Natürlich sind die Qualitätsstandards nicht die gleichen wie bei einem klassischen Medium, natürlich steht die Form frei – aber es ist ein Anfang, den man selbst machen kann. Als besonders herausfordernd empfinde ich es oft, auch in lauen Zeiten Themen für das Blog zu finden und auch dann jeden Tag mit einem Post aufzuwarten. Wie gesagt: eine gute Vorbereitung.
Soviel zu Theorie und Praxis des Bloggens. Es gäbe noch einiges mehr zu erzählen und zu besprechen. Jedem, der gerne Blogs liest, sich gern mitteilen würde, empfehle ich, selbst anzufangen. Aber Vorsicht: Bloggen macht süchtig. Mein Dank geht an alle, die während der Jahre mitgelesen haben, kommentiert haben, Rückfutter gegeben haben. An alle, die ich kenne und die ich nicht kenne. Hier sei für heute Schluss und wer bis hierher gelesen hat, darf jetzt ein Eis essen.
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