Es gibt tatsächlich Sportphilosophen, wie man hört. Nicht Otto Rehhagel, George Best, Bill Shankly oder Franz Beckenbauer, nicht einmal Lukas Podolski, dessen Satz „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“ Jahrhunderte menschlichen Denkens ad absurdum geführt hat. Sondern so richtig mit Bart und grünem Tee auf der Tribüne, so wie Gunter Gebauer. Von dem Professor der FU Berlin war kürzlich die These zu lesen, die deutsche Politik könne von der Nationalmannschaft lernen. Ein Gedanke, der durchaus überlegenswert ist.
Es ist also der erste Sitzungstag nach der Sommerpause in Berlin. Unter den Klängen der Nationalhymne schreiten die Fraktionen (präsentiert von der Pharmalobby) in den Plenarsaal ein. Im Anschluss singt jede Fraktion ihre Hymne, nur von der FDP hört man lediglich ein mantraartiges „Ich glaube an die Selbstregulierungskräfte des Marktes und an ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem“. Angela Merkel bildet mit ihrem Kabinett einen Kreis, Rainer Brüderle stößt ein paar Laute in seiner (eigenen) Sprache aus. Alle außer Wolfgang Schäuble springen hochmotiviert in die Luft. Bundestagspräsident Norbert Lammert pfeift die Sitzung an.
Die Regierungserklärung von Angela Merkel lässt die Emotionen hochkochen. Sogar die Ultras vom katholisch-konservativen Flügel der CDU haben sich statt der schwarz-blauen Trikots schwarze Kapuzenpullis angezogen, sind auf ihre Stühle gesprungen und skandieren „Merkel raus“. Einer bricht sich dabei das Bein. Frank-Walter Steinmeier holt bei der Rede von Guido Westerwelle via Zwischenfrage die Blutgrätsche raus, welche er schon in seiner Zeit beim TuS Brakelsiek perfektionierte. Ein junger Grünen-Abgeordneter feiert seine erste Bundestags-Rede mit einem Salto. Als Martin Lindner (FDP) von Präsident Lammert die Rote Karte wegen Beleidigung an Gregor Gysi sieht, stürmen mehrere Abgeordnete nach vorne und beschweren sich minutenlang.
Auch hat sich eine völlig neue Art der politischen Streit- und Fankultur herausgebildet. Da im Gegensatz zu anderen Parlamenten die Auseinandersetzung in der Arena aufs Verbale beschränkt bleibt, ertönen von den Rängen regelmäßig „Wir wollen euch kämpfen sehen“-Gesänge. Die Fraktionen selbst bekriegen sich nicht mehr nur vom Rednerpult aus, sondern auch mit den üblichen Schmähgesängen, mal kreativ („Ihr seid Linke, asoziale Linke, ihr schlaft unter Brücken …“), mal primitiv („Scheiß CDU, wir singen Scheiß CDU“). Dann pfeift Norbert Lammert ab und alle tauschen die Anzüge.
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Mal wieder Fremd-Content: Der nachfolgende Text stammt von Judith Keller, einer Studentin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL), und wurde in der Studentenzeitung student! veröffentlicht. Ich finde ihn sehr schön.
Kleine Übersicht zum Umgang mit Gefühlen
Judith Keller
Übung
Lieselotte sagt nie nein. So geschahen mit ihr bedenkliche Dinge. Ein Psychologe schließlich riet ihr, das „nein“ zu üben, wie eine Vokabel. Nach einigen Sitzungen stellte er ihr die Aufgabe, in ein Schuhgeschäft zu gehen, dreißig Paar Schuhe anzuprobieren und zu jedem Paar und zu der Verkäuferin „nein“ zu sagen. Lieselotte ging in das Geschäft und kaufte dreißig Paar Schuhe. Sie reihte sie neben dem Eingang auf. Jetzt steht sie davor. Sie weiß nicht weiter.
Die Wohnung
Das Haus erscheint ihr sehr bekannt. Sie weiß, tagsüber füttert er Delphine und Robben im Zoo, aber sie flüstert ihr altes Kennwort: Nebelkampf, bevor sie aufschließt. Sie will die Schlüssel nicht zurückgeben. Sie legt sich auf sein Bett und sucht nach seinem Geruch. Sie berührt alles, verrückt die Dinge. Sie will, weil er mittlerweile, wie er schrieb, im Prinzip über sie hinweggekommen sei, dass ihn seine Wohnung unheimlich umgibt. Bevor er zurückkommt, geht sie, hofft, ihren Geruch im Kissen zurückgelassen zu haben.
Kleine Übersicht zum Umgang mit Gefühlen
Während Beatrice Tschaudi vor Freude hochspringt, springt Adalbert Spichtig vor lauter Gefühlen runter. Obwohl auch Bernhard Felix vor Freude angibt, runterzuspringen, beharrt Annemarie Hubensack darauf, bei großen Gefühlsausbrüchen immer nur hochzuspringen.
Differenzierter drückt sich nur Markus Biswanger aus, der sagt, bei Gefühlen wie Neid und Eifersucht üblicherweise zur Seite zu springen, während er bei Hass und Liebe auf jemanden heraufspringe, es sei gleichgültig, auf wen. Nur Marisa Nägli gibt zu, bei unruhigen, großen Gefühlen vorwiegend stehen zu bleiben.
Ehrgeiz
Sie wollten die Dinge gut machen, aber sie fand, es gelang ihr nicht. Ich akzeptiere, dass ich nicht alles gut machen kann, sagte sie, aber sie akzeptierte es nicht. Sie schrieb einen Abschiedsbrief. Ihrer Meinung nach war auch der Abschiedsbrief nicht gut genug. Nur ihrem Ehrgeiz verdankte sie ihr Leben, der Abschiedsbrief war nie gut genug.
Das Ei
Sie begegnete einem zwei Meter hohen Ei. Das Ei begann, nachdem sie es entdeckt hatte, sofort zu wackeln, und zerbrach. Ein Mann stieg heraus. Sie standen sich gegenüber. Der Mann sagte: „Obwohl man es denken könnte, nichts habe ich zu lernen.“ „Dabei kannst du nicht einmal den Handstand", sagte die junge Frau und versuchte den Handstand, der schrecklich misslang. „Ha!“, sagte der Mann und machte einen Handstand. „Während ich“, sagte die junge Frau „die ich nie aus einem Ei schlüpfte, die Leiden der Liebe in ihrer sauren Beständigkeit mehr als einmal hingenommen habe, hast du von der Liebe keine Ahnung.“ „Für das Ei spricht“, sagt der Mann, „das Aufwachsen in großer Abgeschiedenheit. Ich bin unverdorben.“ Nun entspann sich die Szene, die von niemandem aufgezeichnet wurde. Immer sind die Schriftsteller so brav.
Kunst
Patrick studiert Kunst. Auf seinen Bildern steht: Ich liebe meine Eltern. Alle finden das lustig. Aber Patrick meint es ganz ernst.
Bruderbesuche
Er besuchte seinen Bruder einmal im Jahr. Beide freuten sich darauf. Wenn er da war, ärgerten sie sich darüber, dass ihnen nichts Rechtes zum Sprechen einfiel. Nach drei Tagen fuhr der Bruder wieder fort. Immer etwa einen Monat später schrieb er, wie schön die gemeinsam verbrachte Zeit gewesen war. Bis zum nächsten Treffen glaubten sie, dass die gemeinsam verbrachte Zeit schön gewesen war. Dann glaubten sie es drei Tage lang nicht. Danach glaubten sie es wieder fast ein ganzes Jahr. Nur drei Tage im Jahr waren sie sich sicher, dass sie sich nicht mochten.
Abschied
Seit fünf Jahren waren sie ein Paar und seit zwei Jahren berührten sie sich nicht mehr. Er fragte, ob er, wenn sie nicht wolle, andere Frauen lieben dürfe. Das verbot sie ihm. Und an jenem Abend, als er diese Frage an sie gerichtet hatte, schliefen sie miteinander. Danach fragte er, ob sie es wirklich gewollt hatte, und als sie den Kopf schüttelte, sagte er: „Jetzt hast du mich betrogen.“ Er ging und packte seine Sachen, und als er die gemeinsame Wohnung verließ, da umarmten sie sich, er schloss die Tür vor ihrem Gesicht und nahm sich vor, zu rennen.
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Es ist Mitte Juli, die WM ist vorbei, Jogi Löw hat Fieber, Deutschland schwitzt. Und es ist Sommerloch. Das Sommerloch scheint mir in diesem Jahr schon nach wenigen Tagen so tief zu sein wie schon lange nicht mehr. Mit dem Hitzechaos bei der Bahn gibt es immerhin ein Thema, das breites Interesse einigermaßen rechtfertigt. In NRW gibt es endlich eine neue Regierung (Minderheitsregierung, Minderheitsregierung, hey hey). Aber sonst?
Unsere Freunde von bild.de machen heute in ihrer Slideshow u.a. tatsächlich mit der Nachricht auf, ein Zweitligaspieler habe sich beim Mannschaftsfoto die Hose runtergezogen, inklusive so liebenswerter Wortspiele wie POsieren, POpulär und POster. What? Da sind große geistige Kräfte am Werk. Beim ZDF hat die journalistische Elite im Hintergrund den smarten Claus Kleber wohl auch im Stich gelassen, jedenfalls musste dieser am Dienstag im heute-journal allen Ernstes die Hochzeit von Philipp Lahm anmoderieren. Bild schoss aber erneut den Vogel ab, als sie zur Hochzeit des Nationalmannschaftskapitäns einen Live-Ticker einrichteten. Die taz interessiert sich plötzlich für Landespolitik in Hamburg. Bei SPON beschäftigt sich jetzt schon die fünfte Nachricht auf der Startseite mit "Benimmregeln auf dem Campus". Und bei aller angemessenen Würdigung an den verstorbenen kicker-Chefredakteur und Herausgeber Heimann muss man auch fragen: ist das eine Top-Nachricht, die zwei Tage lang ganz oben stehen sollte?
Es sollte mal wieder jemand zurücktreten. Dann wäre alles anders.
man kann nicht
an das licht denken
und gleichzeitig an den tod
an die dampfende teetasse
und an die strukur der trinität
an die zahnarztrechnung
an den ersten kuss
an den tumor
und an die windungen der loire –
man kann nicht am denken verzweifeln
und gleichzeitig
denken
Ludwig Steinherr
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Das Magazin des Leipziger Studentenwerks berichtet in empörtem Duktus, dass anscheinend vermehrt Steaks in der Mensa am Park gestohlen werden, indem diese mit einem Haufen Nudeln (der verdammt groß sein muss) an der Selbstbedienungstheke bedeckt werden. So verschwinden laut Studentenwerk täglich "50 bis 60" Steaks.
Ich persönlich bewundere diese Menschen, die zusätzlich zu dem Steak noch einen Berg Nudeln essen können. Sind bestimmt Diplom-Studenten …
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Ach, was muss man wieder lesen und hören von unserem Lieblingskapitalisten, der Deutschen Bahn. Da fällt das Klima aus, die Halbtoten liegen in den Gängen und auf den Bahnsteigen von – doppelt wehe! – Bielefeld. In der Hölle schreien die Holländer, wie die Süddeutsche Zeitung gestern in einem Erfahrungsbericht schrieb, das hätte ich auch nicht gedacht. Es wird also bald Zeit für den Brief an die Bahn, den ich schon im Winter schreiben wollte und in dem Worte wie "Unverschämtheit", "Hass" und "Gier" vorkommen werden. Dass es in der Transportbranche aber auch anders zugehen kann, durfte ich gestern selbst erfahren.
Es begab sich nämlich, dass ich eine Reise von Leipzig nach Potsdam anzutreten hatte. Über Umwege stieß ich auf den Autobahnexpress und entschloss mich, dieses Angebot einmal auszuprobieren. Es handelt sich dabei um einen Bus, der direkt zwischen den beiden Städten verkehrt. Und siehe da: statt 3:14 Stunden nur zwei Stunden Fahrtzeit, entspannt durchfahren statt zwei oder drei Mal umsteigen, statt brütender Hitze war mir beinahe kalt (gut, es war 7 Uhr morgens^^), statt überfüllter Abteils war ich der einzige Fahrgast im gesamten Bus und statt mindestens 32 € bezahlte ich nur 14,80 €. Sogar kostenloses WLAN gibt es in den Autobahnexpressen, worauf ich aber verzichtete, um mal ungestört lernen und lesen zu können.
Ich mache sowas normalerweise nicht, aber: diesen Eintrag kann man durchaus als freiwillige Werbung verstehen. Bei all den Frustmeldungen rund um die Bahn war diese entspannte Fahrt ein wohltuender Beweis, dass auch auf diesem Sektor guter Service und faire Angebote möglich sind. Der Autobahnexpress bietet Fahrten von und nach Leipzig, Flughafen Leipzig-Halle, Potsdam, Göttingen, Kassel und Dresden an. Natürlich hat auch der Autobahnexpress seine Schwächen: jede Strecke wird nur alle vier Stunden gefahren und aus kleineren Orten gibt es keinen Anschluss. Für mich allerdings war die Verbindung gestern just perfect. Mit ein bisschen Planung und Glück könnte sich dort also eine lohnende Alternative zum Schienenmonster auftun.
Öfter war gestern Abend die Floskel vom „versöhnlichen Ende“ zu hören, nachdem die deutsche Mannschaft mit einem 3:2 gegen Uruguay Platz drei bei der WM erfolgreich verteidigt hatte. So, als hätte es in den letzten vier Wochen jemals auch nur einen unterschwelligen Konflikt zwischen Mannschaft und Fans in Deutschland gegeben. Im Gegenteil: es war begeisternd, ansteckend und aufregend. Ich war selten so glücklich beglückt wie nach dem England-Spiel und fast nie so beeindruckt wie ob des Argentinien-Spiels. Es waren große Spiele, dafür Danke!
Dass es am Ende wieder nicht für einen Titel gereicht hat, rief nach dem Spanien-Spiel alsbald die unverbesserlichen Kritiker auf den Plan. Da war die Rede von Ängstlichkeit und „vergessen, wie man Fußball spielt.“ Mit Verlaub: Quatsch! Diese Leute sollen froh sein, keine Engländer, Franzosen, Italiener, Brasilianer oder Argentinier zu sein. Die Mannschaft hat Großes geleistet, obwohl die Vorzeichen nicht günstig waren. Und das Schöne ist: die Hoffnung besteht, dass es so weitergeht.
Denn einem Team, das mit einem Altersdurchschnitt von unter 25 Jahren so aufspielt, gehört die Zukunft. Nur ein kurzer Blick auf das Innenleben der Mannschaft zeigt das ungeheure Potential für die nächsten Jahre. Thomas Müller (20) hat die WM genutzt, um sich auch international einen Namen zu machen und ist einer, der dieses Jahrzehnt fußballerisch prägen kann. Sami Khedira (23) auf der Doppel-Sechs und Mesut Özil (21) als kreativer Kopf haben dafür gesorgt, dass Michael Ballack nur sehr sporadisch vermisst wurde. Manuel Neuer (24) ist der Vorreiter einer neuen Torwartgeneration.
Diese drei Stammspieler waren bereits bei diesem Turnier Stützen einer erfolgreichen Mannschaft, das Gefolge aber ist groß. Allen voran ist dort Toni Kroos (20) zu nennen: bei der WM leider nur Kurzarbeiter, gilt er aber als das größte deutsche Fußballtalent und wird mit Sicherheit den Sprung in die internationale Klasse schaffen. Auch Jerome Boateng, Holger Badstuber, Dennis Aogo und Marko Marin waren in Südafrika dabei und haben Entwicklungspotential. Dahinter stehen immer noch Namen wie Höwedes und Hummels. Die U-21-Europameister des vergangenen Jahres könnten zur Goldgrube des DFB werden – und die U18 und U19 haben ebenfalls Titel gewonnen …
Wie immer macht es die Mischung. Neben diesen jungen Hoffnungsträgern wird die Mannschaft von Spielern geführt, die fast ebenso jung, aber schon ungleich erfahrener sind. Manchmal mag man es kaum glauben, dass Lukas Podolski (79 Länderspiele) und Per Mertesacker (69 Länderspiele), die scheinbar schon immer dabei waren, erst 25 Jahre auf dem Buckel haben. Sie kommen also erst noch ins rechte Fußballeralter. Überhaupt standen im WM-Kader nur drei Spieler über 30.
Besondere Aufmerksamkeit sollte Bastian Schweinsteiger gewidmet werden, der bei dieser WM evtl. den gleichen Schritt gemacht hat wie Lothar Matthäus 1990 in Italien. Seine Bedeutung und seine Leistung bei diesem Turnier ist gar nicht hoch genug zu würdigen. Nicht nur, weil der 25-jährige absolut überragende Leistungen auf dem Platz zeigte und Michael Ballack damit mehr als gleichwertig ersetzte, sondern auch, weil er auch neben dem Platz zu einem Großen herangewachsen ist. Wie Schweinsteiger nach dem Uruguay-Spiel alle Spieler in die Fankurve holte oder jeden Mitarbeiter umarmte, da zeigt sich der Führungsspieler. Er und Philipp Lahm stehen für eine Spielergeneration, die Verantwortung übernimmt und fordert.
Zu hoffen – und aus meiner Sicht sehr wahrscheinlich – ist, dass Jogi Löw weiterhin Bundestrainer bleibt. Auch für ihn war es ein entscheidendes Turnier. Auch wenn der Fußballfan als solcher sehr vergesslich ist, dürfte Löw sich mit seinen Entscheidungen und deren Erfolg eine Menge Respekt verschafft haben. Wer hätte gedacht, dass der abgestiegene Friedrich, der gefrustete Podolski, der formschwache Klose so aufspielen? Dass nach den Ausfällen von Ballack, Westermann und Adler zeitweise Fußball wie im Traum gespielt werden würde? Ich nicht. Wenn Löw will, bin ich mir sehr sicher, dass innerhalb der nächsten paar Wochen der neue Vertrag steht. Denn diese Mannschaft ist Löws Werk, es sind seine Jungs.
Natürlich kennen wir die Einwände, die unweigerlich kommen. Ein Erfolg in der Gegenwart wäre ja schöner gewesen als das Warten auf die Zukunft, wir kennen die tragischen Geschichten der goldenen Generationen aus England und Portugal und wir waren damals auch nicht auf Jahre unschlagbar. Aber wir haben Hoffnung und wir freuen uns auf die nächsten Spiele. Klar werden wieder schwache Leistungen kommen, Durststrecken im Sturm und Fehler in der Abwehr. Aber wir sehen jetzt nicht nur, was ist, wir sehen, was draus werden kann. In zwei Jahren ist wieder Europameisterschaft.
An einem spielfreien Tag ist es Zeit, ein wenig ins Philosophische abzurutschen. Was kann Fußball sein – und was nicht? Wirre Überlegungen an praktischen Beispielen.
Zu dem oben verlinkten Werbeclip muss man zunächst sagen: Geiles Teil. Selbst Homer fehlt nicht und wer Pathos nicht scheut, der wird es lieben. Was aber will uns dieser Spot über Fußball sagen? Was ist eigentlich Fußball für Menschen, für Gesellschaften, für die Welt? Und was eben nicht?
Bei aller Sympathie für den Spot schwingt darin doch unmissverständlich eine Botschaft mit, die eine weltberühmte schwedische Popband schon in den Achtzigern mit der Formel „The winner takes it all“ zusammengefasst hat. Da ist mit Denkmälern, Ehrerbietungen und Statussymbolen nicht gespart worden, um klarzumachen: Nike ist eine Marke für Gewinner. Irgendwie hat man dabei wohl vergessen, dass es nur einen Sieger geben kann. Und da immer mindestens zwei Mannschaften spielen, gibt es überall dort, wo es einen Sieger gibt, auch einen Verlierer. Frei nach dem Motto: Wir werden fair zu den Verlierern sein, Hauptsache wir gewinnen.
Man sieht und liest diese Heldengeschichten ja auch gerne, so wie in der griechischen Mythologie – lieber sterben als vergessen werden. Aber irgendwie passt das alles nicht zu den romantischen Versionen von Fußball, die uns von Franz Beckenbauer und Pelé erzählt werden. Da nämlich ist Fußball der Weg aus der proletarischen Leere (oder noch besser: aus den Slums) in die große weite Welt des Erfolgs, der American Dream in rund quasi. In diesen Geschichten gehört der Fußball den Schwachen, so wie er in Südafrika immer der Sport der unterdrückten Schwarzen war.
Aber stimmt das denn? Letztlich ist Fußball doch Leistungssport, wie jeder andere Sport auch. Am Ende zählen die strahlenden Sieger, die mit den Denkmälern, und von den Verlierern bleiben nur ein paar rührende Zeilen in den Geschichtsbüchern, wenn´s denn ausreichend knapp und dramatisch war. Es zählt der Größere, Stärkere, Schnellere.
Vielleicht ist es ein kleiner Spaß von Mr. Schicksal, dass sämtliche Stars des Nike-Werbespots bei der WM in Südafrika gescheitert sind. Ronaldinho: gar nicht nominiert, der Absturz eines Weltstars. Capitano Cannavaro: als gealterter Weltmeister nach dem Vorrunden-Aus mit Häme überschüttet. Wayne Rooney: immer noch kein WM-Treffer. Cristiano Ronaldo: ein Tor gegen äh – dings – und immerhin Vater geworden. Franck Ribery: Blamage mit einer Mannschaft, die diesen Namen nicht verdient. Didier Drogba: Ellenbogenbruch, Aus in der Vorrunde.
Fußball also als entzaubertes Massenphänomen und naive Hoffnung? Nicht unbedingt. Ein Stück weit nämlich haben die letzten Wochen wieder einmal gezeigt, dass Fußball mehr sein kann als ein Spiel von 22 Männern um einen Ball. Natürlich bleibt es letztlich ein Spiel, um Millionen und für Millionen zwar, aber ein Spiel. Auch hat Fußball in Deutschland nicht den gesellschaftlichen Erlösungscharakter wie in Teilen Afrikas oder Südamerikas, aber es bleibt bemerkenswert, wie sich durch dieses Spiel einiges erfüllt, was wir so lang und heftig wünschen.
Während Politik und Gesellschaft in Deutschland in den nächsten Jahren vor großen Aufgaben in der Integration von Migranten stehen werden, scheint dieses Topthema des nächsten Jahrzehnts in der Nationalmannschaft längst abgehandelt. Da spielen Moslems und Christen erfolgreich zusammen, Spieler mit Wurzeln in der Türkei, Spanien, Brasilien, Polen, usw. wachsen zu einem Team zusammen, das Vorbildcharakter für ein ganzes Land haben kann.
Der Märchengeschichten damit nicht genug: da ist ein Thomas Müller, der den Traum von Millionen 20-jährigen auf der Welt lebt. Innerhalb von zwei Jahren hat der Junge Abitur gemacht, sich beim besten Klub der Bundesliga durchgesetzt, im CL-Finale gestanden, ist Nationalspieler geworden und hat eine großartige WM gespielt. Solche Karrieren gibt’s nur als Popstar oder Fußballer. Fußball macht also auch Hoffnung, dass auch heute noch jeder mit einem Talent groß werden kann, ein Held sozusagen. Selbst wenn er fürchterlich bayrisch spricht.
Oder schauen wir nach Afrika. Dieser Kontinent hat nicht viel, worüber er sich definieren kann – keine große Geschichte, keine Reichtümer. Eben deshalb hätte man es diesen Menschen so sehr gegönnt, wenigstens einmal es den großen Weißen zu zeigen. Aber dann schied Ghana im Viertelfinale gegen Uruguay aus. In dem Moment weinte Afrika, und man hätte ab liebsten mitgeweint, weil Fußball dort mehr ist als ein Spiel. Es ist auch Hoffnung, Lebensgefühl und der ständige Traum vom „Wir sind wer“. Auch das kann Fußball sein.
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Am Ende fehlte wieder einmal das Happy End, aber unsere Mannschaft hat eine große WM gespielt. Ein Plädoyer gegen die Enttäuschung.
Es ist ein komisches Gefühl, das an diesem Mittwoch Abend zu Besuch ist. Gerade hat Deutschland mal wieder einen Titel verpasst, 0:1 im Halbfinale gegen Spanien verloren. Wahrscheinlich ist es so etwas wie Enttäuschung, nachdem wir alle so viel erwartet hatten, nicht zu Unrecht. Die Stadt ist totenstill und Thees Uhlmann sagt mir, dass es nicht die Sonne sei, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht. In diesem Moment ist das ein schwacher Trost.
Eine Nacht später setzen sich drei Erkenntnisse durch: es muss immer einen Verlierer geben, Spanien hat verdient gewonnen und wir können stolz auf diese Mannschaft sein. Vor der WM hat Jogi Löw viel Kritik und Unverständnis einstecken müssen. Im Endeffekt hat der Trainer aber wieder einmal fast alles richtig gemacht. Ich zumindest behaupte nicht, es immer gewusst zu haben. Diese Spiele gegen England und Argentinien gehörten zum Besten, was ich je von einer deutschen Mannschaft gesehen habe – und ich habe viele Spiele gesehen. Die wahrscheinlich besten Spieler der WM trugen deutsche Trikots: Müller, Friedrich, Klose.
Die deutsche Mannschaft hat Großes geleistet in diesen vier Wochen. Über weite Strecken hat es Spaß gemacht zuzuschauen. Der Blick über die Grenzen zeigt, dass wir dankbar sein können für dieses Team: wir sind keine zerstrittenen Franzosen, keine überalterten Italiener und keine lustlosen Brasilianer. Das ist nicht gegen diese Nationen gerichtet, es ist nur eine Erinnnerung daran, dass auch diese Niederlage nichts daran ändert, dass unsere Jungs ein tolles Turnier gespielt haben.
Für mehr als spontane Enttäuschung ist also kein Platz. Diese Mannschaft hat Zukunft, sie ist jung und wird ihren Weg hoffentlich gehen (man muss ja nicht an die Negativbeispiele Portugal oder England mit ihren „goldenen Generationen“ denken). Wir freuen uns auf ein großes Fest im kleinen Finale am Samstag. Und spätestens bei der Rückkehr nach Deutschland wird auch die Mannschaft merken, dass nicht nur Sieger Gewinner sind.
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