Ich kam mir fast ein wenig schäbig dabei vor, den Überlebenskampf von Hannover 96 zu einer Art Erlebnisurlaub zu nutzen, als ich mit Freunden am Sonntag das Spiel der Roten gegen den VfL Wolfsburg (0:1) besuchte. Während die Fans der Heimmannschaft um wichtige Punkte und den Klassenerhalt bangten, wollten wir als mehr oder weniger neutrale Gäste (mit leichten 96-Sympathien) "nur" ein spannendes Spiel und ein neues Stadion sehen.
Zum neunten Mal in Folge ging 96 mit einer Niederlage vom Platz, rutschte damit auf Platz 17 der Tabelle. Angesichts des Aufwärtstrends in Berlin scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Hertha vorbeizieht. Doch auch bei Hannover war trotz der Niederlage eine deutliche Steigerung auszumachen. Engagiert fightete die Mannschaft bis zum Schluss, ein Unentschieden wäre auf jeden Fall verdient gewesen.
Die Gründe sind schnell ausgemacht. 96 spielte in der Offensive nicht so clever und konsequent wie die Wölfe auf der Gegenseite. Nicht nur dass es den Hannoveranern an einem echten Torjäger fehlt, das Hauptmanko lag eher darin, wie umständlich und langsam der Ball in Strafraumnähe gebracht wurde, wo kaum ein Angriff mit einer zwingenden Aktion zu Ende gespielt wurde. So kam es, dass Wolfsburg trotz optischer 96-Vorteile zwar weniger, aber bessere Chancen hatte. Eine davon nutzte Misimovic zum 1:0. Generell besaß der Meister das deutlich höhere Kreativpotential, Hannovers Aktionen nach vorne waren vorhersehbar und ohne Geistesblitze. Leider wurde die kämpferische Leistung nicht belohnt.
Bemerkenswert: wie die Fans mit Mannschaft und Trainer umgehen. Trotz der sagenhaften Niederlagenserie gab es über 90 Minuten fast ununterbrochen lautstarke Unterstützung, wie man sie sich in dieser Form auch mal auf der Alm wünschen würde. Nur ganz vereinzelte Pfiffe, kein „Slomka raus“, „Wir wollen euch kämpfen sehen“ oder „Wir haben die Schnauze voll“, stattdessen echtes Mitleiden. Sicher hat das auch mit den Ereignissen um Robert Enke (an den nur ein schwarzes „Robert R.I.P.“-Plakat erinnerte) zu tun, ist aber sonst selten anzutreffen, wird hier aber ausdrücklich zur Nachahmung empfohlen. Und das Stadion ist auch ganz wunderbar.
Etwas zu feiern gab es für Zuschauer mit schwarz-weiß-blauem Herzen dennoch. Als in der AWD-Arena der Arminia-Sieg auf St. Pauli verkündet wurde, war von irgendwo aus Block N8 ein leises Jubeln zu hören …
“Suppa!”

