Viele große Denker haben ein Problem: die Nachwelt versteht alles ganz anders, als es eigentlich gemeint war. Und jeder meint zu wissen, wie es wirklich gemeint war. Große Teile der Werke werden schweigend unter den Teppich gekehrt, während andere über Gebühr hervorgehoben werden. Oder in einem völlig falschen Zusammenhang. Diese Komposition von Richard Strauss beispielsweise geht als Thema des Kultfilms 2001: A Space Odyssey von Stanley Kubrick in die Geschichte ein. Nur wenige wissen noch, dass das Stück eigentlich die Introduktion von Strauss' sinfonischer Dichtung Also sprach Zarathustra ist. Ähnlich geht es Friedrich Nietzsche.
Der existiert im gesellschaftlichen Gedächtnis eigentlich nur noch mit drei Worten: "Gott ist tot." Ab und zu hört man zwar noch vom "Willen zur Macht", auch das Wort von der Frau und der Peitsche wird manchmal, wenn auch eher ironisch, zitiert. Doch für die heutige Welt ist Nietzsche unzertrennlich mit dem radikalen Atheismus verbunden. Besonders von Christen wird Nietzsche oft und gern mit diesen Worten zitiert, um damit den wunderbar eindeutigen Prototypen der bösen, gottlosen Philosophie abzugeben. Ein bisschen Kontext wäre aber auch hier durchaus sinnvoll. Denn wohl die wenigsten derer, die Nietzsche so zitieren, haben den Aphorismus gelesen, aus dem dieser Satz stammt:
Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? […] Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?
Friedrich Nietzsche (1882): Aphorismus 125, Der tolle Mensch. In: ders.: Die fröhliche Wissenschaft.
Wie genügsam das bereits genannte gesellschaftliche Gedächtnis ist, zeigt, dass es sich noch nicht einmal des ebenso eingängigen Folgesatzes "Gott bleibt tot" erinnert. Nietzsche schreibt diese Sätze erstens nicht aus seiner eigenen Perspektive, sondern legt sie einer Figur in den Mund. Zweitens bedeutet der Satz in diesem Zusammenhang kein religiöses Statement, sondern eine Diagnose, eine Beobachtung gesellschaftlicher Vorgänge. Drittens – und das ist wohl das wichtigste – ist der gesamte Text keineswegs ein Jubel über den Tod Gottes, sondern das genaue Gegenteil: eine Klage über eine Welt, für die Gott faktisch tot ist.
Inwieweit Nietzsche nun mit dieser Diagnose richtig oder falsch liegt, kann man trefflich diskutieren, v.a. davon abhängend, inwiefern man Realität und Wahrheit als konstruiert versteht. Das wird in Soziologie, Theologie und Philosophie auch munter getan. Auch über die Frage, was Nietzsche nun wirklich geglaubt hat, wird seit langem gestritten – mit Ergebnissen, die ihn entweder als Pantheisten, Agnostiker oder enttäuschten Christen verorten. Und auch wenn Nietzsche im Antichrist, einem seiner letzten Werke sehr harsche Worte für das Christentum findet ("der unsterbliche Schandfleck der Menschheit"), greift es doch deutlich zu kurz, ihn mit einem "Gott ist tot" zum Atheisten schlechthin zu machen, nur weil es gerade gut in die eigene Argumentation passt. Sehr treffend drückt das ein leider unbekannter Autor aus:
Schließt man aus diesem Satz, dass Nietzsche ein Atheist sei und nicht an Gott glaubte, so irrt man sich gewaltig. Diese Leute, die „Nietzsche“ oder diesen Satz so in den Mund nehmen, sind vergleichsweise einzuordnen, als höre man jemanden die Buchstaben A, B oder C sprechen, ohne dass dieser das gesamte Alphabet gelernt hätte, geschweige denn die einzelnen Buchstaben zu Wörtern zusammensetzen kann.




