Zum 33. Mal fand an diesem langen Wochenende der Deutsche Evangelische Kirchentag statt, das Mekka der (evangelischen) Christen Deutschlands. Ort des Geschehens war diesmal Dresden, eine ungeheuer sehenswerte Stadt, die bisher allerdings kaum durch eine besonders deutliche christliche Prägung aufgefallen wäre. Bei der Eröffnung durch Bundespräsident Christian Wulff waren 55000 Menschen dabei, insgesamt rechneten die Veranstalter mit mehr als 100.000 Besuchern.
Doch siehe da: nicht nur der deutsche Protestant pilgert ins Sächsische, um sich und seine Kirche zu feiern, auch ein Großteil der Bundespolitiker entdeckt für ein Wochenende seine tiefe Verbundenheit zum christlichen Glauben. Auf dem Kirchentag durfte keiner fehlen, und deshalb waren sie alle da – Frank-Walter Steinmeier, Stanislaw Tillich, Thomas de Maiziére, Renate Künast, Angela Merkel sowieso. Sie alle hatten plötzlich wichtige Dinge zu sagen, die auf einer christlichen Veranstaltung eben gesagt werden müssen, und wenn diese Dinge eher peripher zu einer ebensolchen Veranstaltung passten, dann wurden sie entweder passend gemacht oder das zu Grunde liegende Diskussionsthema kurzerhand uminterpretiert. Es geht hier weder explizit um die genannten Personen noch kann, darf und soll an dieser Stelle keinesfalls die innere geistliche Lage fremder Menschen beurteilt werden, aber bei vielen Äußerungen stellte sich sehr stark das Gefühl ein, dass hier christliche Werte und christlicher Glaube verwechselt wurden.
Dass Parteien in Zeiten einer immer weiter fortschreitenden politischen Fragmentierung der Gesellschaft auch auf dem Kirchentag intensiv um Wähler werben, ist dabei verständlich, glaubt doch jede Gruppierung für die gläubige Klientel den richtigen Weg anbieten zu können. Für die Christdemokraten scheint der Weg vom Kreuz in der Kirche zum Kreuz bei der CDU nahezu eine Selbstverständlichkeit zu sein, die SPD meint mit sozialdemokratischem Programm für das christliche Ideal der Nächstenliebe zu stehen, die Grünen, im Moment ohnehin im beispiellosen Aufwind, fischen unter den Schöpfungserhaltern und Bodo Ramelow von den Linken zitierte gar Adolf Grimme: „Ein Sozialist kann Christ sein, ein Christ muss Sozialist sein.“ Nur die FDP hat gerade ganz andere Probleme.
Kanzlerin Angela Merkel genießt unter den Kirchentagsteilnehmern offenbar eine sehr hohe Wertschätzung. Da dies unmöglich mit ihrer Politik zu erklären sein kann, muss es wohl an ihrem regelmäßigen Bekenntnis zum christlichen Glauben liegen. Welt Online schrieb gar, Merkel habe bei ihrer Rede am Samstag das Publikum mitgerissen – und man kann wirklich nicht behaupten, dass ihr dies oft gelänge. Der andere Superstar des Kirchentags war, wieder einmal, Margot Käßmann. In der öffentlichen Darstellung wirkte es manchmal, als bestünde ein beträchtlicher Teil der Kirchentagsbesucher aus Käßmann-Groupies. Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende ist spätestens seit ihrer Afghanistan-Predigt keine Theologin mehr, sondern ein politischer Faktor. Über ihr an diesem Wochenende propagiertes Credo „Beten statt Bomben“ bzgl. des Afghanistan-Einsatzes kann man denken, wie man will, aber es zeigt doch deutlich, dass Käßmann erneut ein politisches Problem für wichtiger als das persönliche Leben und Glauben hält.
Nun ist es durchaus auch Aufgabe einer Kirche, die Probleme im Diesseits nicht zu ignorieren, sich einzumischen und Lösungsvorschläge auf Grundlage des Glaubens anzubieten. Sobald das aber in den Vordergrund rückt, verliert die Kirche ihre Relevanz, sie wird zu einer noch nicht einmal besonders starken Interessengruppe unter unzähligen anderen auf dem politischen Parkett. Insofern ist es zwar eine winzige Randnotiz der Geschichte, in jedem Fall aber eine ironische, dass momentan ausgerechnet ein Katholik vormacht, wie konsequentes Christsein in der Öffentlichkeit funktionieren kann: SPIEGEL-Kulturchef Matthias Mattusek, der derzeit (in zugegebenermaßen manchmal schon enervierendem Ausmaß) in Büchern und Talkshows seinen Glauben verteidigt. Durchaus auch mit gesellschaftskritischer Komponente, aber nicht nur.
Bricht man diese Eindrücke auf das Motto „… da wird auch dein Herz sein“ herunter, dann schlägt das Herz des Kirchentags für so wichtige Themen wie die Energiewende, den Afghanistan-Abzug und Völkerverständigung. Schön und gut, aber soll das alles sein? Wo bleibt das Evangelium im evangelischen Kirchentag? Es ist da, in vielen Teilnehmern, sicherlich auch in einigen Veranstaltungen, aber es ist in der Außendarstellung nicht (mehr?) das Markenzeichen dieser Veranstaltung. Solange das so bleibt, wird auch von diesem Kirchentag in der allgemeinen Erinnerung nicht mehr bleiben als politische Absichtserklärungen.
[Weil ich drauf hingewiesen wurde, hier noch ein Disclosure: der Huge ist ebenfalls Protestant und hat den Kirchentag am Samstag besucht.]
3 Leute finden diesen Eintrag “suppa”. Huge sagt Danke.