LITERATUR
Das verlorene Symbol, Dan Brown (2009)
Auch mit seinem fünften Roman macht Dan Brown seinem Ruf als einer der besten zeitgenössischen Erzähler alle Ehre. Das Muster seiner bisherigen Werke muss er dafür nicht abwandeln: wieder stehen der Symbologe Robert Langdon, die geheimnisvollen Freimaurer und ein von dunklen Mächten getriebener Mörder im Vordergrund der Geschichte, Langdons Schnitzeljagd führt diesmal allerdings nicht durch den Vatikan, sondern durch Washington. Dort jagt er ein verlorenes Wort, das Zugang zu unendlichem Wissen um die Dinge gewähren soll, und natürlich fehlt auch die bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnis, in diesem Fall der Nachweis der menschlichen Seele, nicht.
Seinen größten Fehler bleibt Brown ebenfalls treu: auch Das verlorene Symbol ist mindestens 50 Seiten zu lang. Es scheint eine Art Zwangsneurose des Autors zu sein, den Zeitpunkt für den Schluss zielsicher zu verpassen, stattdessen folgt der Auflösung des Haupthandlungsstranges noch ein etwas ermüdendes und eher überflüssiges Hin und Her. Wegen seiner spannenden Geschichte ist aber auch dieser Brown eine Empfehlung wert. Und wer die 765 Seiten nicht schafft – der Film kommt 2012, natürlich wieder mit dem unvermeidlichen Tom Hanks …
Der geheimnislose Junge, Stefan Brüggenthies (2009)
Mit seinem Erstling gelingt Stefan Brüggenthies (trotz beträchtlicher Längen in der Mitte) gleich ein hervorragender, vielschichtiger Krimi. Was zunächst nur nach einem ausgerissenen Teenager in Köln aussieht, weitet sich zu einem Mafiafall aus, dessen Spuren nach Frankreich und Italien führen. Nebenbei gewährt der Roman erstaunliche Einblicke in die sehr eigene Welt des Bildungsbürgertums. Und mindestens so bemerkenswert ist die Vorliebe, die der Autor offenbar für außergewöhnliche Figurennamen pflegt.
MUSIK
Honky Tonk: Cox and the Riot
Meine persönliche Entdeckung auf dem Leipziger Kneipenfestival Honky Tonk: die Band Cox and the Riot, ebenfalls aus Leipzig. Der namensgebende Sänger kommt aus England und schreibt die Texte rund um Liebe, Einsamkeit, Angst, Träume und Sehnsucht, dazu Schlagzeug, Gitarre, Bass, die klassische Besetzung eben. Ihre Musik bezeichnen Cox and the Riot selbst als „Death Disco“, ein mir bisher unbekanntes Genre, zumal sich die Songs auch eher nach mehr oder weniger normalem düsteren Rock anhören. Das wiederum ist kein bisschen abwertend gemeint: es geht zur Sache, live viel mehr als es die Studioversionen vermuten lassen. Allzu viel gibt’s von den Jungs nicht im Internet zu hören, aber wenn ihr sie mal live sehen könnt – tut es.
An und für sich, Clueso (2011)
Das Gute vorweg: Clueso ist keiner von denen, die neun Titel auf ein Album pressen und das dann für 13 € verkaufen. Mit 17 Songs bietet sein neues Album zumindest einiges an Quantität. Sehr wohl aber ist Clueso einer von denen, die man gut finden kann, aber nicht muss. Natürlich macht der Junge gute Musik, aber bei aller Sympathie fehlt es seiner Stimme und Persönlichkeit doch immer wieder an der Ausstrahlung, die den Hörer fasziniert lauschen ließe. In einem Satz: das Album ist nicht so gut, wie es die Single vermuten lässt. Könnte auch daran liegen, dass man ihm stellenweise seine Rap-Vergangenheit anhört. Insgesamt macht das Album einen ruhigen, tiefschürfenden, manchmal suchenden Eindruck mit einer weiten musikalischen Bandbreite. Vielleicht aber hätte ein bisschen mehr Gitarre und weniger Elektrobeats dem Endprodukt ganz gut getan. (Übrigens halte ich die Zeile „Mein Herz liegt auf deinem Desktop“ für ziemlichen Unsinn …)
FILM
Mein Kampf (Urs Odermatt, D 2011, nach George Taboris)
Mein Kampf erzählt die Zeit des bösen Manns mit dem kleinen Bart in Wien: Hitler bewirbt sich an der Kunstakademie und scheitert jämmerlich, sein ohnehin latent vorhandener Judenhass und Rassenwahn verstärkt sich und trifft letztlich seinen Mentor Schlomo. In Wien wird Hitler zu äußerlich und innerlich zu der Person, die die Geschichte kennt. Der Film gibt sich alle Mühe, Klischees zu vermeiden und auch die Absurdität der Taboris-Vorlage etwas abzuschwächen. Gerade lachte man noch, dann stockt der Atem.
Tom Schilling verkörpert den Hitler mit enormer überspielender Intensität, was allerdings auch keine allzu große Kunst ist: hier ein bisschen ausflippen, dort wahnsinnig dreinschauen und immer schön „im Zwälächt“ sagen. Eher ist da schon die Leistung von Götz George als Schlomo zu würdigen. Neben all den Knopp-Verfilmungen über Hitlers Hunde und Sekretärinnen ist dieses Psychogramm eines der besseren.
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