Huge und wie er die Welt sieht
Doch noch mal was zum Tod des georgischen Rodlers: es wird jetzt so viel davon gesprochen, auch und vor allem beim IOC, dass hier jemand für seinen Traum gestorben sei, gleichsam ein Märtyrer der olympischen Idee. Ich habe den Eindruck, dass das IOC einen Mythos aufbauen will, um von den wahren Gründen und ihrem eigenen Versagen (bzw. dem der Veranstalter) abzulenken. Mich erinnert das ganze an etwas, was Erich Kästner einmal aufgeschrieben hat. Man achte auf die letzten beiden Strophen.
Der Handstand auf der Loreley
Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.
Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.
Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine deutsche Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.
Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.
Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.
Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
Er dachte an die Loreley von Heine.
Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.
Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!
P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.
Erich Kästner
Irgendwas hat die FAZ-Sportredaktion gestern falsch gemacht – oder einfach nur Pech gehabt. Vom Tod des georgischen Rodlers steht nichts drin, die überregionalen Zeitungen haben aus logistischen Gründen einen frühen Redaktionsschluss. Und so kommt es, dass heute Sätze in der Zeitung stehen, die mal wie eine dunkle Vorahnung und mal wie eine zynische Ohrfeige klingen:
"In Whistler steht die schnellste Bob- und Rodelbahn der Welt – und die gefährlichste." (S.1)
"Es fehlt der Teil, wo du dir sagst: Du gehst raus und musst zum Sterben bereit sein." (Skifahrer Heel über die "leichte" Abfahrtspiste, S. 25)
"Die Überforderung des Menschen gehört offenbar zum Programm." (S. 26)
Was aber das IOC und die Ausrichter betrifft, so will ich nichts gesagt haben …
Ein eisiger Hauch von Verlegenheit und Trauer lag über der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in dieser Nacht in Vancouver. Wenige Stunden vorher hatte der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili im Eiskanal von Whistler einen tödlichen Unfall gehabt, der Schock war greifbar bei Kommentatoren, Sportlern und Offiziellen.
Die Eröffnungsfeier (ich bin tatsächlich um 3 Uhr aufgestanden) fand dennoch statt, in einem angemessenen Rahmen. IOC-Präsident Jaques Rogge, der bereits zuvor eine recht emotionale Pressekonferenz gegeben hatte, fand in seiner Rede die richtigen Worte. Da passte es angenehm ins Bild, dass die Zeremonie – unabhängig von den tragischen Ereignissen – erfreulich zurückhaltend gestaltet wurde, verglichen mit der zum Gigantismus neigenden Feier in Peking 2008.
Es werden schwierige Olympische Spiele, überschattet von einem traurigen Todesfall. Ganz besonders schwierig wird es natürlich in den Bob- und Rodelwettbewerben, aber auch überall sonst wird der Fall Kumaritaschwili durch die Köpfe schwirren. Aber die Eröffnungsfeier heute Nacht hat gezeigt, dass es trotzdem klappen kann – dass auch diese Spiele eine große Party des Sports werden können.
Nach dem Verpassen der Champions League und den teils erschreckenden Leistungen in den Spielen gegen Ademar Leon hat Handball-Bundesligist TBV Lemgo (ca. 20 km von Detmold) gestern Abend Konsequenzen gezogen: Trainer Markus Baur und der Sportliche Leiter Daniel Stephan wurden entlassen. Und dass einen Tag vor dem Saisonauftakt in der Bundesliga, der heute Abend gegen den SC Magdeburg ansteht.
Auch wenn Ex-Manager und Beiratsmitglied Fynn Holpert schon am Dienstag Andeutungen ("Der Trainer ist Teil der Mannschaft und trägt seinen Teil zu dieser Leistung bei") in der LZ gemacht hatte – der Schritt, die sportliche Führung auf einen Schlag auszutauschen, hatte sich nicht eben angedeutet. Nun sollen kurzfristig der Kult-Co-Trainer "Eddy" Franke und Daniel Kubes übernehmen, bis ein etablierter Trainer gefunden ist. Sogar über die Rückkehr von Volker Mudrow wird spekuliert.
Schade ist, dass mit Baur und Stephan zwei so verdiente Handballer, die quasi zur TBV-Familie gehörten, einen so unrühmlichen Abschied nehmen müssen. Seit 2001 spielte Baur beim TBV, übernahm nach halbjähriger Unterbrechung 2007 den Trainerposten. Dort fehlt ihm anscheinend die Erfahrung. Stephan, Welthandballer des Jahres 1997 und einer der großen Deutschen in diesem Sport, gehört gar seit 1994 dem Verein an. Ich kenne die beiden, Baur ein bisschen mehr, ein ganz kleines bisschen persönlich und es tut mir wirklich leid
. Aber auf diesem Niveau zählt eben Leistung.
[Update: Dann ging´s noch einmal ganz schnell. Volker Mudrow ist neuer Trainer.]
Ich verabscheue Klischees, Vorurteile und ungehörige Verallgemeinerungen auf den Tod, im Vorfeld der Leichtathletik-WM in Berlin machte der deutsche Pessimismus seinem Ruf aber alle Ehre. Keine einzige Goldmedaille für den DLV, hatten einige befürchtet. Nach einer bewegten Woche können Deutschlands Leichtathleten aber auf ein erfolgreiches Heimspiel zurückblicken.
Den Nachmittag verbrachte ich noch in den Niederungen des Dorffußballs, dann ging es stetig aufwärts: erst das am Ende peinliche 2:3 der Arminia in Zusammenfließen, dann ganz nach oben – die besten Leichtathleten der Welt maßen am zweiten Wettkampftag der WM in Berlin ihre Kräfte.
Die deutsche Leichtathletik ist so oft totgesagt worden, bewies aber eindrucksvoll, dass Totgesagte bisweilen wirklich länger leben. Bereits gestern Abend hatte Ralf Bartels in einem spannenden Kugelstoß-Finale Bronze geholt. Und auch am Sonntag konnte sich der DLV über Edelmetall im Kugelstoßen freuen. Nadine Kleinert zeigte den Wettkampf ihres Lebens, startete bereits mit einer persönlichen Bestleistung von 20,06m und verbesserte diese Marke noch einmal auf 20,20m. Getoppt wurde ihre Leistung nur von der neuseeländischen Favoritin Villy (20,44m). Silber für Nadine Kleinert – eine kleine Überraschung.
Die zweite deutsche Medaille des Tages ging an Jennifer Oeser. Die blonde Siebenkämpferin steigerte sich mit einer eindrucksvollen Energieleistung im abschließenden 800-Meter-Lauf von Rang drei auf Platz zwei und bekam so ebenfalls Silber um den Hals. Über die 800 Meter war sie auf halber Strecke gestürzt, kämpfte sich aber wieder heran und wurde dafür belohnt.
Dann aber der 100-Meter-Sprint. Es war so viel über diesen Showdown der schnellsten Männer der Welt geschrieben worden, über dieses Duell zwischen Usain Bolt (Jamaika) und Tyson Gay (USA, keine Witze mit Namen
), das vielleicht besser ans Ende der WM gepasst hätte. Aber was sich dann wirklich auf der blauen Tartanbahn abspielte, damit hatte niemand gerechnet. Es ist ziemlich genau eine Stunde her und ich kann es immer noch nicht wirklich glauben.
Um es kurz zu machen: Usain Bolt wurde Weltmeister. Mit Weltrekord. 9,58 Sekunden. An alle, die das halbwegs einordnen können und es noch nicht wussten: kein Tippfehler! 9, 58 Sekunden, eine Fabelzeit, nicht für möglich gehalten, zumindest nicht jetzt. Seinen alten Weltrekord, exakt vor einem Jahr aufgestellt, pulverisierte Bolt damit förmlich, er lief mehr als eine Zehntelsekunde schneller. Sonst werden Weltrekorde über 100 Meter meist im Hundertsteltakt gesteigert. So fühlt es sich also an, wenn Geschichte geschrieben wird.
Ich sage es jetzt einfach ungeschützt und ohne Rücksicht auf alles juristische "in dubio pro reo": diese Zeit kann man nicht sauber laufen. Ein solcher Sprung, der den Beginn einer neuen Zeitrechnung im Sprint bedeutet, aus purer Muskel- und Schnellkraft? Tut mir Leid, die Botschaft hör ich wohl, allein es fehlt der Glaube.
PS- Hintergründe zur Leichtathletik-WM gibt´s übrigens beim von Christian Jakubetz betreuten Journalistenausbildungs-Projekt der Konrad-Adenauer-Stiftung: Mehr-als-Laufen
Die Tour macht Helden. Doch was ist im Dopingmilieu Radsport schon ein Held? Das Misstrauen fährt auf jedem Kilometer mit. Ein Analyseversuch zur Tour de France 2009.
Der Radsport ist schon lange kein sauberer Sport mehr. Angefangen hat alles mit schwarzen Schafen wie Tom Simpson, jenem ersten Dopingtoten, seit mindestens zehn Jahren ist flächendeckendes Doping an der Tagesordnung und die bisherigen Geständnisse und Ermittlungen sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder naiv oder hat keine Ahnung.
All das muss man vorausschicken, bevor wir den Blick auf die sportlichen Ergebnisse der Tour de France 2009 richten. Alberto Contador vom Astana-Team rollte in Gelb in Paris ein und gewann somit zum zweiten Mal das größte Radrennen der Welt. Den Grundstein für seinen Erfolg hatte Contador mit zwei Etappensiegen (einer in den Bergen, einer beim Einzelzeitfahren, wir kommen noch darauf zu sprechen) gelegt. Das Bergtrikot ging an Pelizotti, grün ersprintete sich wieder einmal Thor Hushovd (niemand weiß so genau, warum er und nicht Cavendish).
Ein ganz hervorragend aufgelegter Andy Schleck, der gleichzeitig das weiße Trikot des besten Jungprofis gewann, belegte in der Gesamtwertung Rang zwei, Lance Armstrong sicherte sich als Dritter noch einen Platz auf dem Podium, der Rückkehrer dürfte mit diesem Resultat aber kaum zufrieden sein. Immer dichter werden die Gerüchte, Armstrong wolle im nächsten Jahr mit seinem eigenen Rennstall an den Start gehen. Andreas Klöden kam als bester Deutscher auf Rang sechs.
Es war aus deutscher Sicht keine übermäßig erfolgreiche Tour, aber eine mit Höhepunkten. Dazu zählt neben Klödens guter Platzierung im Gesamtklassement der Etappensieg von Heinrich Haussler in den Vogesen. Tony Martin, bislang fast unbekannt, fuhr in der ersten Woche mehrere Tage lang in Weiß und verpasste am Mont Ventoux auf der vorletzten Etappe nur knapp den Tagessieg, nachdem er in den Berg stark an Boden verloren hatte. Sprintspezialist Gerald Ciolek erreichte in der Sprintwertung Platz drei.
Rückblende eins, zunächst zum Sieger Contador. Der fuhr eine absolut überragende Tour, insbesondere im Vergleich zu seinem Teamkollegen und härtestem Rivalen Lance Armstrong. Obwohl Armstrongs Leistung, nach drei Jahren Pause quasi aus dem Nichts bei der Großen Schleife auf Platz drei zu fahren, aller Ehren wert ist, zeigte ihm Contador ein ums andere Mal seine Grenzen auf. Ein Bild für die Götter, wie Contador am vergangenen Sonntag aus dem Sattel ging und sich zum ersten Etappensieg aufmachte, während Armstrong nur der entsetzte Blick blieb. Etwas absonderlich wirkte auf mich übrigens die Atmosphäre im bärenstarken Astana-Team, vor allem, als Armstrong vor der 20. Etappe ankündigte, es werde „am Berg Krieg geben“.
Rückblende zwei, Thema Doping. Dieses sonst im Radsport allgegenwärtige Gespenst wurde fast erfolgreich totgeschwiegen. Kein positiver Test, Begriffe wie Fuentes oder Blutdoping fallen nur hinter vorgehaltener Hand. Das Misstrauen aber bleibt. Sieger Contador stand bereits auf der mysteriösen Fuentes-Liste und seine Leistungen bei der Tour werfen bei allem Respekt auch eine Menge Fragen auf. Wie zum Beispiel wird jemand plötzlich neben einem Bergfahrer auch einer der besten Zeitfahrer im Feld? Wie hat Contador die 1900 Höhenmeter (Rekord in der Tourgeschichte) bei seinem ersten Etappensieg überwunden? Es ist schwer geworden, fast unmöglich, herausragende Leistungen im Radsport anzuerkennen.
Denn bisher erwies sich noch jeder Held des modernen Radsportzeitalters als Dopingsünder. Riis, Pantani, Zabel, Aldag, Bölts, Ullrich, Jaksche, Schumacher, Winokurow, Kohl, Landis und auch Armstrong – die Liste ist lang und die Dunkelziffer noch um einiges höher. Die Versuche, Vertrauen zu schaffen, haben Teams, Fahrer und Rennleitung scheinbar aufgegeben. Interviews zum Thema gibt es nicht, Andreas Klöden beispielsweise, der anscheinend Beziehungen zur Giftmischerei an der Universität Freiburg unterhielt, schweigt seit Monaten beharrlich. Die Großzügigkeit der Szene im Fall Armstrong, der seine sieben Toursiege wohl größtenteils illegal eingefahren hat und dennoch wohlwollend in die Herde der schwarzen Schafe aufgenommen wurde, spricht ebenfalls Bände.
Es ist schade, dass bei jedem Rennen auch der Zweifel an der Sauberkeit der Protagonisten mitfährt. Sicherlich gibt es unbescholtene Fahrer, doch die spielen nun einmal keine Rolle, solange gedopte Stars die Alpen hochfliegen und die Saubermänner gegen den Besenwagen kämpfen. Wie viel die Siege von heute wert sind, wird man vielleicht erst in einigen Jahren sagen können. Dann nämlich, wenn die Kontrollmethoden den Stand der gegenwärtigen Dopingtechniken erreicht haben, einige Jahre zu spät. Es ist ein langer und mühsamer Kampf und fast hat man den Eindruck, viele hätten ihn schon aufgegeben.
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