Huge und wie er die Welt sieht
Es gibt niemanden, der in Deutschland derzeit für einen so kollektiven Aufschrei der Entrüstung sorgt wie Thilo Sarrazin. Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben, "Deutschland schafft sich ab" heißt es. Wer hier wen abschafft, ist für ihn längst ausgemacht: Ausländer und Migranten bevölkern und unterwandern Deutschland, bis von einer großen Nation nichts mehr übrig ist.
Solche Thesen gehören zum Standardrepertoire des Bundesbank-Vorstandes, der schon vorher mit seltsamen Aussagen für Aufsehen sorgte und das Wort vom "Kopftuchmädchen" prägte. In der Politik, selbst in Sarrazins Partei SPD, ist man sich in der Bewertung dieser Äußerungen anscheinend sehr einig, auch wenn die meisten sich noch in diplomatische Worte flüchten.
Was aber soll man wirklich von jemanden wie Thilo Sarrazin halten? Ist er ein gesellschaftlicher Brandstifter, ein Volksverhetzer und Hassprediger? Oder geht es Sarrazin tatsächlich darum, seine Meinung zu vertreten, eine Diskussion anzustoßen, die die Zukunfts Deutschland gewährleisten soll? Unumstritten ist jedenfalls, dass die Zuwanderung die Gesellschaft entscheidend verändert hat. Der öffentlichen Diskussion darüber ist die Politik in Deutschland lange ausgewichen, langsam lässt sie sich nicht mehr vermeiden. Leider jedoch verstärkt sich bei Sarrazins Worten immer mehr der Beigeschmack, er sei des erstgenannten Geistes Kind.
Über eines aber sollte uneingeschränkte Klarheit herrschen: der Ton, den Sarrazin anschlägt, war von Anfang an destruktiv, und er wird von Interview zu Buchauszug schlimmer. Mit solchen Äußerungen verschärft Sarrazin das Problem nur, er setzt eine Hassspirale in Gang. Sarrazins Buch erscheint übrigens morgen. Die Werbetour ist ihm zweifellos geglückt.
Als wäre der Fan eines Zweitligaklubs mit der Unterklassigkeit nicht schon gestraft genug, bindet man ihm gleich einen zweiten Stein ans Bein. Dank DFL und Bezahlsender Sky (mögen sie dran ersticken) muss sich der treue Anhänger seit letzter Saison zu den unerträglichsten Zeiten ins Stadion oder vor den Fernseher quälen. (Immer zu berücksichtigen, dass man ja nicht in der Minute des Anpfiffs erst das Stadion betreten will)
Freitag, 18 Uhr
Wohnt man in der Stadt seiner Jungs, könnte der Freitag noch der annehmbarste Termin sein. Ein schöner Abend im Stadion, dann nach Hause, vielleicht ist es noch nicht mal dunkel. Aber so einfach ist das ja nicht. Allein aus Arbeitszeitgründen schließt diese Zeit schon eine Menge Interessierter aus, eine Anreise von einer halben Stunde kann da schnell zum Hindernis werden. Und für Studenten und andere Davongezogene, die mehrere Stunden vom fußballerischen Zuhause trennen, ist so ein Freitagsspiel oft unmöglich. Für Auswärtsspiele gilt dasselbe sowieso.
Samstag, 13 Uhr
Es ist 10 Uhr, ab ins Stadion – was sonst. WTF? Diese Anstoßzeit ist vollkommen indiskutabel: jeder, der mehr als eine halbe Stunde fahren muss, muss sich quasi direkt nach dem Aufstehen auf den Weg machen. Man muss voressen wie ein Radfahrer vor einer Bergetappe und die Stimme ist auch noch nicht in Form. Bemerkenswert aber jene, die bereits am Vormittag das erste Sixpack leeren. Und für Auswärtsspiele eigentlich recht okay.
Sonntag, 13.30 Uhr
Siehe Samstag.
Montag, 20.15 Uhr
Von jeher die Hasszeit der Zweitligafans, die Fußball im Stadion lieben. Wenn das Spiel vorbei ist, fahren nicht einmal mehr Züge von Bielefeld nach Detmold. Kollisionen mit Arbeitszeiten bzw. Aufstehenszeiten am nächsten Morgen gut möglich. Leere Stadien, weil sich viele das Spiel lieber im Fernsehen als im Block anschauen. Aber immerhin eine gute Gelegenheit, "Scheiß DSF" zu skandieren – jedenfalls so lange es DSF hieß. Auswärtsfahrten? Vergiss es. Wie gesagt: DSF.
Heute Abend nimmt auch die Zweite Liga ihren Spielbetrieb wieder auf. Da meine Arminen auch in diesem Jahr unterklassig spielen müssen, gelte ich anscheinend – traurig genug – als "Experte" für die Zweite Liga. Jedenfalls durfte ich den Kollegen Max und Moritz vom Blog Abenteuer Fußball ein Interview zur neuen Saison in Bielefeld und im Bundesliga-Unterhaus geben. Nachzulesen hier.
Mike Hanke (Hannover 96) bekam bei der diesjährigen Wahl zum Fußballer des Jahres tatsächlich eine Stimme.
Da der Huge während des Praktikums schon so viel schreibt, hat er kaum noch Zeit, das auch hier zu tun. In der Zwischenzeit ein wenig Musik.
Sven! Regener! Held! Einfach wunderbar, wie er in seinen Texten immer wieder den unverhofftesten Weg wählt, wie nach einer scheinbar sinnlosen Strophe alles rund wird und wie man das Lied erst nach dem zehnten Mal versteht. Mit der Stimme von Ina Müller noch schöner.
In unregelmäßigen Abständen tagt an irgendeiner Bar irgendwo im weiten Internet eine merkwürdige Runde von vier Herren. Kloß: ein unverbesserlicher Pessimist, der das Bier an der Bar und Worst-Case-Szenarien liebt. Spinne: Stammgast, der mit ebensolch pentranter Naivität die Zukunft rosarot sieht wie er Brause bestellt. Volker: der Barmann, der die Welt erklärt. Dann gibt es noch den vierten Mann und die Pflanze im Hintergrund, aber die sagen eigentlich nie etwas.
Volker Strübing lässt dieses Quartett über Sinn und Unsinn des Seins und seiner vielen Facetten diskutieren, mit Hang zu abstrusen Theorien. Das erinnert dann ein bisschen an Dittsche. Die Videos sind mit viel Liebe zum Detail gemacht, Strübing spricht alle Stimmen selbst und veröffentlicht auf seinem Schnipselfriedhof regelmäßig neue Folgen. Für die gilt, wie immer: "Ein Trickfilm, den man sich angucken kann, wenn man will."
Der Huge macht gerade ein Praktikum in einer kleinen öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktion und liest dort, wenn er nichts zu tun hat, jeden Tag acht Stunden lang das Internet durch. Da gibt´s unter anderem folgendes:
North Korean football team shamed in six-hour public inquiry over World Cup
Der moderne Pranger – aber es hätte deutlich schlimmer kommen können.
Die deutschen Flattr-Charts im Juli
Natürlich ist die Liste wenig überraschend und auch nicht repräsentativ, weil noch längst nicht alle großen Onlinemedien Flattr nutzen. Ein kleines Qualitätsmerkmal und Anreiz zum Weiterlesen ist sie trotzdem.
Krake Orlando und die neue Bundesligasaison
Pauls Nachfolger weissagt bei Roland Eitel den ersten Spieltag. Lothar Matthäus ist übrigens auch dabei.
Fußbälle, die durchs Bild hoppeln — 54 Fußballfilmtipps
Probek stellt als Urlaubsvertretung beim Textilvergehen seine zehn besten Fußballfilme aller Zeiten vor. Da muss man wenigstens nicht so viel lesen wie bei den anderen … Aber: Where the hell ist Fever Pitch?
Zum Schluss noch ein letzter Lesebefehl, allerdings für ein Holzmedium: das Sonderheft unserer 11Freunde ersetzt rein faktentechnisch vielleicht nicht den altbewährten Kicker, bietet dafür aber Sportjournalismus der etwas anderen Art. Und ein paar Blogger kommen auch zu Wort. Kaufen!
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