1. Journalismus im Umbruch
Die Financial Times Deutschland wird eingestellt. Die Frankfurter Rundschau meldet Insolvenz an, ebenso wie die Nachrichtenagentur dapd. Der Freitag, die WAZ-Gruppe und sogar das ZDF kündigen massiven Stellenabbau an. Die Schreckensmeldungen, die die deutsche Medienlandschaft Ende 2012 innerhalb weniger Wochen ereilten, machen deutlich: Der Journalismus steckt in einer Krise.
Umso dringender stellen sich nun die Fragen nach der Zukunft des Journalismus, die schon seit Jahren diskutiert werden. Über kaum ein anderes Thema reflektierte die Branche zuletzt denn auch so gerne und ausführlich wie über die Aussichten des eigenen Berufs. Auf Antworten oder zumindest tragfähige Modelle, wie Journalismus mittel- und langfristig funktionieren kann, wartet man jedoch nach wie vor vergeblich. So entsteht der Eindruck, dass alle Beteiligten in ein höchst ungewisses Fahrwasser steuern.
Der Journalismus befindet sich in einer Umbruchphase, die bereits seit einiger Zeit andauert. Ausgelöst durch die radikalen und rasanten Veränderungen der Kommunikationswege und -bedingungen, insbesondere durch das Internet, muss sich auch der Journalismus auf neue Gegebenheiten einstellen.
2. Veränderungen erfordern Reaktionen
Vor allem die Mediennutzung hat sich durch das Internet stark verändert: 76 Prozent der Deutschen besitzen einen Internetzugang, 59 Prozent von ihnen versorgen sich im Internet „häufig“ mit aktuellen Nachrichten – meist zum Nulltarif. Darunter leiden die klassischen Medien.
Wie aus den Daten der Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbemedien (IVW) hervorgeht, ist die verkaufte Auflage der Tageszeitungen in Deutschland innerhalb von zehn Jahren um mehr als sechs Millionen bzw. 21 Prozent zurückgegangen – ein Ende ist nicht in Sicht. Der Exodus der abtrünnigen Leser ist leicht nachzuverfolgen, denn die Visits der führenden Online-Newsseiten wie Spiegel Online oder süddeutsche.de haben sich innerhalb von zwei Jahren deutlich erhöht. Für Anzeigenkunden wird das Werbegeschäft im Printbereich somit immer uninteressanter, sie verzichten entweder völlig auf Annoncen oder wandern ins Internet ab. Mit den dortigen Einnahmen können die Verlage die entstandenen Verluste aber zumeist nicht abfangen, wie jüngst bei der Financial Times Deutschland geschehen.
An dieser Stelle sollen allerdings publizistische Erwägungen im Vordergrund stehen, auch wenn der Journalismus neben seiner gesellschaftlichen Aufgabe, Themen zur öffentlichen Kommunikation herzustellen und bereitzustellen, immer auch wirtschaftliche Güter verkauft, die möglichst hohen finanziellen Gewinn erzielen sollen. Außerdem soll der Schwerpunkt auf die Zukunft des Journalismus in den Bereichen Print und Internet gelegt werden, da gerade hier sich entscheidende Veränderungen ereignet haben.
Diese stellen den Journalismus auch vor inhaltliche Herausforderungen – sei es für Anbieter im Internet oder für klassische Medien, die sich gegenüber der digitalen Konkurrenz behaupten wollen. Es erfordert neue Kompetenzen, Darstellungsformen, technische Fertigkeiten und mitunter auch ein neues Bild des Verhältnisses von Publikum und Journalisten. Die anhaltende Diskussion über Qualitätsjournalismus, geführt von Journalisten ebenso wie von Wissenschaftlern, zeigt, dass die journalistische Zunft sich den Status als für die Demokratie konstitutive „vierte Macht“ im Staat immer wieder neu erarbeiten muss und daran zeitweise auch scheitert.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Zukunftsprognosen immer einer gewissen Unsicherheit unterliegen und sich im Nachhinein allzu oft als falsch erweisen. Trotzdem sollen hier thesenhaft zwei Szenarien entworfen werden, die eine mögliche Zukunft des Journalismus in Deutschland kurz umreißen.
3. Die Zukunft des Journalismus – zwei Szenarien
3.1 Szenario 1: Journalistische Produkte werden in der Art und Weise ihrer Erscheinung überdacht
Medien, die sich einmal bewährt haben, so formuliert es das Rieplsche Gesetz, verschwinden nicht. Vielmehr verschieben sich ihre neuen Funktionen und Aufgaben, sobald ein leistungsfähigeres Konkurrenzmedium auftritt. Bisweilen scheint es, als klammerten sich Vertreter der klassischen Medien gern an den ersten Teil der These, neigten aber dazu, den zweiten zu übersehen. Dabei spricht vieles dafür, dass für die Tageszeitung der Weg in die Zukunft nur über eine Neudefinition ihrer Aufgaben in Abgrenzung zu Internetangeboten gehen kann.
Sie steht vor der Herausforderung, ihren Lesern mit einem klaren Profil und hoher Qualität das zu bieten, was sich andernorts nur schwer oder im besten Falle gar nicht finden lässt. Denn nur wer mit einem Alleinstellungsmerkmal aufwarten kann, wird von den Rezipienten genutzt und auch finanziell honoriert – das gilt für Print- ebenso wie für Online-Journalismus. Für die Zukunft des Print-Journalismus scheinen daher Nischenformate mit einer deutlichen inhaltlichen Ausrichtung, hoher Fachkompetenz und einem eng umrissenen Zielpublikum am vielversprechendsten. Dieser Trend zeigt sich aktuell bereits auf dem Zeitschriftenmarkt.
Der Weg in die Nische kann dabei in mehreren Hinsichten beschritten werden. Zum einen hinsichtlich der Medieninhalte: Im täglichen Wettkampf um die schnellste Nachricht ist jedes Print-Medium schon aus technischen Gründen gegenüber Online-Portalen unterlegen. Doch gleichzeitig liegt darin die Chance des Print-Journalismus, sich auf seine Stärken zu besinnen. Tageszeitungen sollten sich fortan nicht auf Agenturmeldungen und Berichte, die am Erscheinungstag schon überholt sein können, konzentrieren, sondern den Schwerpunkt (noch stärker) auf Hintergrundberichterstattung legen.
Denkbar wären Analysen, die dem Leser bei der Einordnung der im Internet gelesenen Nachrichten helfen, ausführliche Interviews, dezidierte Meinungen, Reportagen, investigative Geschichten. Online-Redaktionen fehlt im Nachrichtengeschäft oft die Zeit, sich solchen Formaten eingehend zu widmen. Für Print-Medien scheinen sie prädestiniert, auch weil lange Texte sich auf Papier meist immer noch einfacher als am Bildschirm lesen lassen.
Hilfreich auf dem Weg zum unverwechselbaren Produkt wäre weiterhin ein scharfes politisch-weltanschauliches Profil der einzelnen Redaktionen. Es ist davon auszugehen, dass sich Zeitungen mit klarer publizistischer Linie eines Publikums gewiss sein können, dass sich bewusst mit dem jeweiligen Medium identifiziert. Aktuell jedoch zeichnet sich eher ein Einheitsbrei in der Zeitungslandschaft ab, ausgelöst u.a. durch die Zusammenlegung von Redaktionen in Verlagshäusern, die mehrere Zeitungen mit dem gleichen Inhalt füllen.
Des Weiteren lässt sich an den Stellschrauben der periodischen sowie der physischen Erscheinungsform drehen. So könnte eine Zeitung, die nicht nur Abendblatt heißt, sondern auch tatsächlich am Abend erscheint, noch am gleichen Tag auf aktuelle Nachrichten eingehen und diese fundiert und analytisch, aber dennoch zeitnah aufbereiten. Auch ein Umschwenken zur wöchentlichen Erscheinungsweise könnte für manche Blätter in Frage kommen.
Schlussendlich gehen auch an der Zeitung die technischen Neuerungen nicht spurlos vorbei. Neben der traditionellen Papier-Erscheinung müssen Wege gefunden werden, die gleichen Inhalte auch auf möglichst vielen anderen Endgeräten verfügbar und attraktiv zu machen. Erfolgsversprechend erscheint hier ein crossmediales Setting auf mobilen Geräten, bei dem Zeitungstexte mit anderen Medien (Links, Audio-Dateien, interaktive Grafiken) verbunden werden.
Der Bedarf für Journalisten als ordnende, informierende und auch interpretierende Instanz ist somit in der modernen Kommunikationsgesellschaft weiterhin vorhanden. Die Inhalte, mit denen sich Journalismus beschäftigt, ändern sich zunächst nicht. Ihre Präsentation muss allerdings überdacht werden.
3.2 Szenario 2: Ein neues Verhältnis zwischen Rezipienten und Produzenten
Klassische Kommunikationsmodelle sehen Massenkommunikation zumeist als Einbahnstraße vom Kommunikator zum Rezipienten. Der Kommunikationswirklichkeit des 21. Jahrhunderts wird dies allerdings nicht mehr gerecht. Spätestens mit dem Erfolg von Social Media hat sich der leicht zugängliche Rückkanal etabliert, der Rezipienten ein direktes Feedback auf die Arbeit von Journalisten erlaubt und den Bertolt Brecht bereits in seiner Radiotheorie forderte. Noch ist die Sicht von Journalisten und Medienfachleuten auf die Rolle der Nutzer geteilt, doch die Chancen einer unkomplizierten Kommunikation zwischen Redaktionen und Nutzern sind gerade online nicht zu unterschätzen. Dabei lassen sich zwei Funktionen identifizieren, in denen Rezipienten medienübergreifend als Unterstützung im journalistischen Alltag dienen können.
Zum Ersten können Rezipienten in Zukunft stärker als Korrektiv für journalistische Arbeit fungieren. Mails, Kommentarbereiche oder Social-Media-Portale wie Facebook und Twitter ermöglichen schnelle Leserhinweise auf etwaige Fehler in Texten oder einseitige Berichterstattung und damit eine qualitative Verbesserung derselben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich Redaktionen aktiv dem Feedback ihres Publikums öffnen – indem sie geeignete Kanäle schaffen, überwachen, betreuen und ernstnehmen.
Zur Steigerung der publizistischen Qualität kann auch ein höheres Verantwortungsbewusstsein des Journalisten gegenüber ihren Lesern beitragen. Einem Publikum, das selbst leichten Zugang zu Daten, offiziellen Statistiken und anderen, möglicherweise abweichenden Darstellungen eines Themas hat, und gesellschaftlichen Akteuren, die im Zuge der Disintermediation ohne journalistische Medien als Vermittlungsinstanz an die Rezipienten herantreten können, muss der Journalismus mit einem höheren Maß an Transparenz in der täglichen Arbeit begegnen. Wie Journalisten zu Deutungen und Schlussfolgerungen kommen, sollte nachvollziehbar sein, schon bevor konkreter Rechtfertigungsdruck entsteht. Denkbar sind in dieser Hinsicht Rechercheprotokolle, Begründungen für die Themenagenda, die Bereitstellung von Rohdaten oder kompletter Interviews statt einzelner Zitate.
Die zweite große Chance der Nutzerbeteiligung im Journalismus besteht in der proaktiven Zusammenarbeit mit Rezipienten. Dabei gilt es, das große Potential, das die bisher anonyme Masse für die Suche nach relevanten Themen und deren Umsetzung bietet, zu nutzen. In einer Welt, die immer komplexer wird, können Nutzer als Experten für Spezialgebiete zu Rate gezogen werden. Fast jeder Arbeitsschritt im journalistischen Alltag bietet Möglichkeiten für kollaborative Ansätze: Nutzer können mit wertvollen Hinweisen Recherchen anstoßen, bei der Auswertung von Quellen helfen, selbst als Produzenten tätig werden und somit ein weitgespanntes Amateur-Korrespondentennetzwerk entstehen lassen („User-Generated-Content“) oder mit ihren Meinungen Teil einer öffentlichen Debatte werden.
Natürlich ist zu erwarten, dass die Öffnung für von Rezipienten eingebrachte Ideen und Inhalte viel Ausschuss mit sich bringt. Die Rolle des Journalisten wird somit keineswegs obsolet: Er muss weiterhin aus einer Flut von Inhalten die relevanten auswählen und angemessen aufbereiten. Sie erweitert sich allerdings: Der Journalist fungiert in Zukunft nicht mehr lediglich als „Gatekeeper“, sondern zusätzlich auch als „Gatewatcher“, der stets eine Vielzahl von Quellen im Blick hat und auswertet.
Eine sinnvolle Beteiligung der Nutzer könnte zu den wichtigsten journalistischen Innovationen der nächsten Jahre zählen. In Teilen wird dieses Konzept bereits von einigen Redaktionen umgesetzt. Nutzer als Amateure in die Arbeit einzubinden und gleichzeitig ein qualitativ hochwertiges, professionelles Produkt anzubieten ist jedoch ein schmaler Grat, der erst noch beschritten werden muss.
4. Neues Denken für neuen Journalismus
Die Innovationen, die der Journalismus in Zukunft braucht, sind damit nur angedeutet. Jede Mediengattung in Deutschland steht vor ihren eigenen Herausforderungen: Print-Medien brauchen Überlebens- und Konsolidierungsstrategien, Online-Portale tragfähige Finanzierungsmodelle, die öffentlich-rechtlichen Redaktionen stehen immer mehr in der Pflicht, ihre Gebührengelder zu rechtfertigen. Einige dieser Zukunftsszenarien werden an verschiedenen Stellen bereits angegangen, es bleibt abzuwarten, ob sie sich flächendeckend durchsetzen. Insofern ist Innovation auch im Journalismus immer ein Ausprobieren neuer Ideen, deren Erfolg zunächst unsicher ist.
Als eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Journalismus, der auch weiterhin seine gesellschaftlichen Aufgaben erfüllen kann, muss sich aber der Journalismus selbst des Handlungsbedarfs bewusst werden. Print- und Online-Redaktionen brauchen ebenso wie Fernsehen und Rundfunk ein neues, ergebnisoffenes Denken, das neuartige Formate erlaubt, sich von alten Mustern löst und zu mutigen Entscheidungen führt. Entscheidend ist dabei auch, wie viel Freiraum jungen, kreativen Kollegen eingeräumt wird, die möglicherweise eine abweichende Vorstellung von modernem Journalismus vertreten – und damit nicht selten näher am Puls der Zeit und des Publikums sind als die arrivierten Redakteure.
Der Journalismus wird in den nächsten Jahren nicht an einigen tiefgreifenden Veränderungen vorbeikommen. Was jedoch durch Technik und Publikum wie ein erzwungener Wandel erscheint, birgt auch große Chancen. Es liegt an den Journalisten, diese zu erkennen und zu nutzen.
Dieser Text entstand im Wintersemester 2012/13 als Prüfungsleistung am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Uni Hamburg. Zur besseren Lesbarkeit wurden die Literaturangaben entfernt.
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